Stationen zum Wortschatzlernen entwerfen: eine Blaupause zum Abändern

Wortschatzlernen ist individuell UND universal. Wir begegnen einem neuen Begriff in der Fremdsprache und irgendwie soll er in unser mentales Lexikon eingehen. Dafür müssen wir uns viele Eigenschaften des Wortes merken: wie es in der Fremdsprache klingt, wie es aussieht, was es bedeutet, wie es häufig gebraucht wird, wie formal oder umgangssprachlich es ist, in welchen Redewendungen es vorkommt … 

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My Son the Fanatic: Was bedeutet eigentlich “fanatic”?

Die Kurzgeschichte “My Son the Fanatic” erschien erstmals 1994 in der New York Times. Ihr Autor ist Hanif Kureishi, britischer Schriftsteller und Filmemacher. Seine Familie stammt aus England, Pakistan und Indien. 2008 wurde Kureishi von der Times als einer der 50 größten britischen Autor*innen ausgezeichnet. Seine wohl bekannteste Kurzgeschichte “My Son the Fanatic” ist empfohlene Lektüre für Englischkurse der gymnasialen Oberstufe und häufig Abiturthema im Themenkomplex Migration/Kultur in Grund- und Leistungskursen.

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“Das Pferd hat braune Lederstiefel.” Ohne-Kontext-Lernen? Ja, bitte!

Über viele Jahre war das Kontext-Lernen das Non-Plus-Ultra im Spracherwerb. Angelehnt an das Lernen der Muttersprache sollten auch Zweit- und Fremdsprachlernende aus dem Kontext erraten oder erschließen, welches unbekannte neue Wort sich hinter einem Begriff der Fremdsprache versteckte. Kontext wurde auch deshalb betont, weil er zuvor als fehlend wahrgenommen wurde: Zufällige Vokabellisten mit scheinbar unzusammenhängenden Wörtern sollten der Vergangenheit angehören. Um Vokabular im mentalen Lexikon im semantischen Bereich andocken zu lassen, kam das Lernen und Erschließen aus dem Kontext hinzu:  “Sheila has lighter hair than her classmates. Her hair is very blonde.” Es braucht nicht einmal die Ähnlichkeit der Wörter “blonde” und “blond”, um hier aus dem Zusammenhang zu erraten, welches deutsche Wort sich wohl hinter “blonde” versteckt. Es gibt keine hellere Haarfarbe.  Das Wort ist in hohem Maße erratbar. Hatten Schüler:innen dennoch Schwierigkeiten, das Wort zu erschließen, gab es weitere Hinweise über den Zusammenhang.

Der – eigentlich offensichtliche – Nachteil des Lernens mit Sinn-Kontext: Wenn ich ein Wort ganz leicht im Zusammenhang erraten kann, sieht mein Gehirn keinen Grund, sich das Wort zu merken. Weiterlesen

“It’s verry, verry difficlut!” – Fremdsprachen lernen mit Lese-Rechtschreibschwäche

Dominik war 17, als ich ihn kennen lernte. Ein netter Schüler, interessiert, freundlich, mit mittleren Schulleistungen. Mündlich konnte er sich gut ausdrücken und beteiligte sich gern, aber schriftlich? “Dominik, du hast in der letzten Arbeit 37-mal das Wort „very“ mit zwei “R” geschrieben. Wie kommt das denn?” Klassenkameradin Mia ist eine schulische Überfliegerin, sie wird ein gutes Abitur machen. Aber manche Buchstaben verdrehen sich bei ihr immer wieder: “How” statt “who”, “dos” statt “does”. Und immer “your” statt “you’re”. Aber aufmerksam ist sie und kann Themen gut tief durchdringen. Thomas hingegen hat sich schon in der fünften Klasse ziemlich zurückgezogen, weil ihm Lesen und Schreiben so schwerfallen. Irgendwie hat er sich durch die Mittelstufe gehangelt.

Ich war als Lehrerin noch recht jung, hatte in Referendariat und Studium nichts über Lese-Rechtschreibschwäche (LRS) gelernt. Weiterlesen

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Mais tous les ados sont comme ça – Sprechanlässe mit Comics im authentischen Kontext

Dienstagmorgen, 8:00 Uhr

Es klingelt! Motiviert und mit vollem Elan mache ich mich auf den Weg in meinen Kurs der Einführungsphase. 16 Schülerinnen und Schüler erwarten mich zu unserem Französischunterricht. Wohlwissend, dass die Uhrzeit bei den 15-Jährigen eher eine einschläfernde Wirkung hat, überlegte ich mir bereits am Wochenende – eine hoffentlich – zielführende Aktivitätsstrategie. Und zwar: Mache dir den wirklich realen Teenageralltag zunutze und zeige Konfliktsituationen mit den Eltern auf, in denen jeder aus dem Kurs schon einmal gesteckt hat. Damit ist gemeint: Müll rausbringen, schlechte Noten, unaufgeräumte Zimmer, Dreckwäsche im Zimmer usw. Mit einem Schmunzeln im Gesicht starte ich die Unterrichtseinheit und schaue in die schläfrigen Gesichter meines Kurses.

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Mündlichkeit fördern im Distanz-Fremdsprachenunterricht

Wie alles begann …

März 2020: Meinen Französischkurs hatte ich bereits in der Einführungsphase (Klasse 10) im Schuljahr 2019/2020 durch den Distanzunterricht manövrieren müssen. Dies war der erste Lockdown und an meiner Schule gab es noch keine Möglichkeit,  datenschutzkonforme Videokonferenzen durchzuführen. Mit Arbeitsblättern, Telefongesprächen und E-Mails versuchte ich, den Kontakt zu den SchülerInnen aufrechtzuerhalten und jedem Einzelnen – sofern es mir zeitlich möglich war – eine angemessene Rückmeldung zu geben. Immer wieder stellte ich mir damals die Frage, wie ich es schaffen könnte, die Lerngruppe trotz der Umstände nachhaltig mit neuem Wortschatz zu versorgen. Das war keine leichte Aufgabe, denn ich konnte nie sicher sein, wie sich der Wortschatz der einzelnen Lernenden erweitern würde. Eine aussagekräftige Überprüfung war ja leider nicht möglich.

Unter anderem hatte ich versucht, die Wortschatzerweiterung anzustoßen mit Aufgabenstellungen, die sich auf Wortfamilien (la politique – politique (adj.)), Lückentexte (Lisez les phrases ci-dessous et complétez-les par des mots ou expressions du texte.) oder auf das anschließende Umschreiben von Wörtern bezogen. Zurück im Präsenzunterricht war meine Hoffnung groß, dass es so nun bleiben wird und die Zeiten des Distanzunterrichts vorbei sind.

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Frösche machen Yoga

Der ganze Körper antwortet: Tieryoga als Stundenbeginn

Es war einmal … die Total Physical Response (TPR), ein Klassiker der Fremdsprachendidaktik. “Stand up! Sit down! Open your book!” Alle, die in den 70er Jahren und danach in der Schule Fremdsprachen gelernt haben, erinnern sich vermutlich. Sprachvermittlung trifft Bewegung, der ganze Körper ist involviert. Die Schulklasse steht gemeinsam auf, setzt sich, legt etwas auf den Tisch, sagt etwas. Auch meine erste Englischstunde sah so aus. Ich war zehn, es war 1992. Englisch kannte ich vorher nur aus ein paar kleinen Übungsstunden mit Papa und als Hintergrundgeräusch aus dem Radio.

Ein bisschen hat es mir damals Angst gemacht, als der sonore Herr an der weiterführenden Schule mit Cordjacket, wenig Haar und großen Ohren mich (und den Rest der Klasse) zu Bewegungen aufforderte, die ich noch nicht verstand. Aber die Angst verging schnell. Als ganze Klasse fanden wir heraus, was er von uns wollte und wir standen brav auf, setzten uns und taten nichts, wenn Simon es nicht gesagt hatte. Manchmal schielten wir auch nur zur Klassenbesten und machten nach, was sie tat.

Das ist eine ganz gute Methode, um Schüler:innen erst einmal das aktive Zuhören zu ermöglichen, bevor sie selbst Sprache produzieren sollen. Sie haben dadurch schnell kleine Erfolgserlebnisse als Sprachenlerner:innen in der Gemeinschaft. So weit, so bekannt.

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Back to school

Back to business: neues Schuljahr, neue Schülerinnen und Schüler, neues Glück

Die Sommerferien in Schleswig-Holstein sind vorüber und das neue Schuljahr 2021/2022 hat begonnen. Ich gebe zu, das vorangegangene Pandemie-Schuljahr hatte ziemliche Spuren hinterlassen. Ich bin jedoch ein positiv eingestellter Mensch und schaue lieber in die Zukunft als in die Vergangenheit. Außerdem versuche ich, in allem etwas Positives zu finden, anstatt das Negative dauernd wieder an den Pranger zu stellen. Somit kann ich dem vergangenen Schuljahr auch positive Aspekte abgewinnen (digitaler Unterricht ist möglich, kann zielführend und besser für bestimmte Schülerinnen und Schüler sein), die ich mit in das neue Schuljahr übernehmen werde. Andere Aspekte, wie die Leistungsstandbestimmung bei Schülerinnen und Schülern von anderen Schulen, sind nochmal deutlicher in den Fokus gerückt.

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Der Film „In the Heights“: Einstieg in die Themen Immigration und American Dream

Ich lehne mich weit aus dem Fenster: Was, wenn Lin-Manuel Miranda der moderne Shakespeare ist, nur besser? Sein Musical „Hamilton“ über die Zeit der amerikanischen Gründerväter war der Broadway-Erfolg der letzten Jahre, sein Soundtrack zu Disney’s „Moana“ (deutscher Titel: „Vaiana“) heiter, clever und eingängig. Und nun erobert die Filmadaption seines Musicals „In the Heights“ die Kinos (es ist in Deutschland, aktuell nur auf Umwegen, auch online verfügbar). Es basiert auf dem Roman von Quiara Alegria Hudes und – ich lehne mich noch weiter aus dem Fenster – wird bei den Oscar Academy-Awards großzügig bedacht werden. Da wird das Unmögliche möglich gemacht: Ein Film voller Tiefe und guter Laune, musikalischem und choreografischem Genie, eine einmalige Verwebung von lateinamerikanischen Wurzeln und US-amerikanischer Umgebung. Unterhaltung und Tiefgang – das ganze Paket (auch wenn anzumerken ist, dass der Film kritisiert wurde, da die Hauptdarsteller:innen sehr helle Haut haben und damit lateinamerikanische Immigrant:innen mit dunklerer Haut ausblenden).

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Furthermore: Ein Roman voll schöner Sprache

Mit dem Roman “Furthermore” Jugendliche für die Schönheit der Sprache begeistern

Der 2016 erschienene Jugendroman „Furthermore“ sticht als besonderes Buch hervor. Ein Einband in strahlenden Farben, darauf: ein orange-goldener Fuchs, eine blaue Tür, durch die goldenes Licht fällt, ein Baum mit dreieckigen, grünen Blättern, ein rundes Haus, ein Junge mit Papyrus. Und in der Mitte: ein Mädchen mit grauweißem Haar, steinweißem Gesicht, braunen Augen, strahlend goldverzierter Kleidung, buntglitzernden Armbändern und Beeren im Haar. „Brimming with color and magic“ schreibt die New York Times über „Furthermore“ von Tahareh Mafi. Und bereits das Buchcover lässt erahnen, dass diese Beschreibung passen muss. Weiterlesen