A Fake Phone Call – Fünftklässler mit Stories involvieren

Es gibt eine schöne Besonderheit bei der Arbeit mit Fünftklässlern: Irgendwie befinden sie sich in einem Entwicklungsstadium, in dem sie noch nicht ganz klar erkennen können, wenn ihnen jemand eine ganz offensichtliche Räubergeschichte erzählt, die so gar nicht stimmt. Und wenn sie einen noch so kleinen Skandal wittern, dann sind sie gleich hochinvolviert und wollen der Sache auf den Grund gehen. Diese Beobachtung fiel mir schon bei Kinderfreizeiten mit Zehnjährigen auf („Ein Räuber hat gestern unser ganzes Bastelpapier geklaut, wir müssen heute selbst Papier herstellen“) und in der Schule mit Fünftklässlern ereignete sich Ähnliches immer wieder.

Als eine Kollegin einmal augenzwinkernd sagte: „Ich habe mir überlegt, wir schreiben HEUTE die Klassenarbeit und außerdem gibt mir am Ende der Schule jeder einen Schuh ab“, brach völlige Panik aus. So ganz war es mir nie klar, ob die Kinder (die eigentlich genau wissen, dass eine Klassenarbeit angekündigt werden muss und dass ihnen niemand einfach so einen Schuh abnimmt) dann wirklich glauben, was sie da hören, oder ob sie es einfach genießen, eine kleine Massenpanik auszulösen und so den Schulalltag mit Aufregung zu unterbrechen.

Eine Referendarin machte sich dies kürzlich zunutze. Wir waren gerade dabei, ein Klassenpicknick zu planen.

Jeder sollte etwas mitbringen und wir sammelten zusammen eine Liste mit Essen, das wir mitbringen könnten.

Die Schüler meldeten sich ganz brav und nannten einige Essensvokabeln, die sie bereits kannten: „Strawberries“, „Oranges“, „Apples“, „Bread“ – damit aktivierten sie ihr Vorwissen; so einiges an Essensvokabeln war schon vorhanden. Heute sollte es allerdings etwas komplexer werden. Die Referendarin nahm ihr Handy und rief – scheinbar – beim örtlichen Supermarkt an. „We need strawberries, oranges, apples and bread“, sagte sie. Obwohl die Schülerinnen und Schüler natürlich wissen, dass der örtliche Supermarkt all das im Regal hat, Anrufe beim Supermarkt sehr unüblich sind und ein englisches Gespräch auch eher verwirrend für den Supermarktbesitzer wäre, waren sie voll involviert und klebten an ihren Lippen und ihren Augen, die zu sagen schienen: „Wie, das haben sie nicht? Was machen wir denn jetzt?“. Glücklicherweise halten die Kinder es auch gut durch, miteinander Englisch zu sprechen, und man konnte zwischen dem Rumoren und Staunen auch einzelne Sätze wie „What? They don’t have it?“ hören.

Nach dem Ende des Gesprächs verkündete die Referendarin, der Supermarktbesitzer hätte leider keines der aufgelisteten Lebensmittel vorrätig. Für ein Picknick geeignet seien nur die Zutaten für folgende Lebensmittel: „cucumber sticks“, „fruit punch“, „ham sandwich“, „iced tea“, „chicken drumsticks“, „avocado salad“ und „meatballs“.

Die Rahmenstory war gesetzt, von da an konnte es richtig losgehen. Die Referendarin hatte Flashcards, übte mit den Schülerinnen und Schülern die Aussprache und Zuordnung, die Kinder befragten sich gegenseitig, was sie mochten. Sie lasen die Wörter und schrieben sie und entschieden sich schließlich in Form eines “Think – Pair – Share”-Prozesses als gesamte Klasse, welche Lebensmittel sie am liebsten bei ihrem Picknick hätten. Am Ende wollten sie alle Eistee. Und den gab es dann auch tatsächlich beim Picknick. Die Vokabeln saßen ziemlich fest. Es hätte auch ein großes Büffet werden können.

Eistee – genau das richtige Getränk fürs Klassenpicknick (Foto: MzScarlett/A.K.A. Michelle from Missouri, CC BY 2.0, via Wikimedia Commons)

Eistee – genau das richtige Getränk fürs Klassenpicknick (Foto: MzScarlett/A.K.A. Michelle from Missouri, CC BY 2.0, via Wikimedia Commons)

 


Beitragsbild: fotolia #88422447 | Urheber: dglimages

Mareike Hachemer

Über Mareike Hachemer

Mareike Hachemer ist Gymnasiallehrerin für die Fächer Englisch, Deutsch und Darstellendes Spiel an einer Gesamtschule mit gymnasialer Oberstufe in Hessen. Sie ist an das Hessische Kultusministerium im Referat Europa und Internationales abgeordnet und UNESCO-Delegierte für die Rolle von Bildung für Frieden und Nachhaltigkeit. Gemeinsam mit ihren Kollegen beim Pestalozzi-Programm des Europarats und anderen ehemaligen Finalisten des Weltlehrerpreises setzt sie sich für nachhaltige Bildung und die Anerkennung des Lehrberufs ein. Ihr Konzept einer Bildung für Frieden und Nachhaltigkeit vertritt sie als Sprecherin und Autorin in Fortbildungen und bei Konferenzen, u.a. bei TEDxHeidelberg. Blog: www.mareikehachemer.jimdo.com Twitter: @25MaHa

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