Context Clues und Kurzfilmdrehs

Eine amerikanische Englischlehrerin teilt ihre besten Methoden für die Wortschatzarbeit

Wir alle erinnern uns noch an den Film „Dangerous Minds“, der 1995 in die deutschen Kinos kam, oder? Ich war wahrscheinlich 13 Jahr alt, als ich ihn zum ersten Mal sah, und ich war fasziniert: Michelle Pfeiffer spielt in Dangerous Minds eine Lehrerin, die in einem rauen Klima von Gangs und Kriminalität an einer amerikanischen High School mit Lyrik, Karate, Schokoriegeln und viel Menschlichkeit ihren Schüler*innen hilft, wieder einen hoffnungsvollen Weg ins Leben zu finden.

2015, 20 Jahre später, traf ich Nancy Barile, Englischlehrerin an der Revere High School in der Nähe von Boston, deren Geschichte den Geschehnissen in „Dangerous Minds“ verblüffend ähnelt. Als 35-jährige Quereinsteigerin wählte sie – nach einer Karriere im Punkrock-Musikgeschäft – bewusst den Lehrberuf und eine Schule in einer Gegend, in der viele Schüler*innen aus einkommensschwachen Elternhäusern stammten, in der Englisch für viele eine Zweitsprache ist, die es neu zu erlernen gilt und in der kriminelle Banden das Geschehen in Schulen und Straßen bestimmten.

Nancy arbeitete damals nicht nur besonders eng mit den Eltern zusammen, sondern auch mit „offiziellen und inoffiziellen“ Führungspersonen in der Stadt wie Sozialarbeitern, Polizei und Bandenchefs. Heute spielen Banden und Kriminalität in Revere eine deutlich geringere Rolle.

2015 habe ich Nancy an ihrer Schule besucht. Ihr Klassenraum ist dekoriert mit Büchern, Zeitungsausschnitten und Ehrungszertifikaten, die sie als Gewinnerin vieler Bildungspreise erhalten hat. Sie schreibt auch selbst in Blogs und Magazinen über Bildung und ist in der Lehrerausbildung aktiv. Im September erscheint ihre Autobiografie „I’m not holding your coat – A punk rock memoir“. Für den Blog habe ich mich mit Nancy über Wortschatzarbeit in Englischklassen mit Zweitsprachlernern unterhalten.

Nancy Barile

Nancy Barile unterrichtet in der Nähe von Boston. Für viele ihrer Schüler*innen ist Englisch nicht Mutter- sondern Zweitsprache.

McKim: Nancy, viele deiner Schüler*innen kommen aus sehr schwierigen Situationen. Inwiefern ist die Erweiterung des Vokabulars für sie ein „Ticket zu einem besseren Leben“?

Barile: Für meine Schüler*innen ist Wortschatzerweiterung essenziell für ihren Erfolg. Sie brauchen es fürs College, ihre gesamte berufliche Karriere und das Leben. Wer sich besser ausdrücken kann, hat auf ganzer Linie bessere Chancen.

Du unterrichtest Klassen mit englischen Muttersprachlern und Zweitsprachlernern darin, ihre Schreib- und Ausdrucksfähigkeit zu verbessern. Das Vokabular zu erweitern steht dabei im Zentrum. Wie machst du das? 

Ich glaube, dass Wortschatzarbeit viel wichtiger ist, als es allgemein anerkannt wird. Ich arbeite ständig an der Erweiterung des Vokabulars. Auch – und vor allem – weil so viele meiner Schüler*innen Englisch als Zweitsprache lernen, versuche ich ständig, ihren Wortschatz zu vergrößern, so dass sie sich auch gewählter und präziser ausdrücken können.

Eine Möglichkeit, sie zu unterstützen, ist zum Beispiel, meine eigene Ausdrucksweise als Modell zu sehen und häufige Wörter wie “demonstrate,” “collaborate,” “explicate,” “analogy,” “approximate,” zu benutzen. Ich merke: Auch wenn sie die Wörter vorher noch nie gehört haben: Sie gewöhnen sich dran.

Viele neue Begriffe schreibe ich auch an der Tafel an. Ich bemerke, dass das den Schüler*innen hilft. Auch stelle ich gezielt Aufgaben, in denen es darum geht, neue Begriffe in Sätzen zu verwenden. Zum Beispiel haben wir das in einem Videoprojekt namens „High School Uncut“ so gemacht. Es war ein ganz toller Weg für die Schüler*innen, Vokabeln zu lernen und auch zu behalten.

Noch eine Lieblingsmethode: Graphic novels, Comicromane. Meine Recherchen zur Verbesserung der Lesekompetenz von Sprachenlernern zeigte mir, dass Graphic novels eine tolle Möglichkeit darstellen, den Wortschatz zu erweitern, weil visuelles Lernen involviert ist. Die Leser*innen können vom Bild her Rückschlüsse zu den Worten ziehen. Also habe ich jede Menge Comicromane gekauft. Auch mit anderen literarischen Werken arbeite ich mit Schüler*innen am Wortschatz und bemerke: Wer viel liest, erweitert sowohl den passiven als auch den aktiven Wortschatz. Wichtig ist dabei nur, dass jede*r Schüler*in das passende Buch findet. Wir lesen, lesen und lesen. Meine Schüler*innen führen dazu ein Lesetagebuch, in dem sie unbekannte Wörter notieren und definieren.

Eigentlich würde ich gerne verstärkt mit Präfixen, Suffixen und Wortstämmen arbeiten und mit der lateinischen Herkunft von Fremdworten. Ich weiß, dass das wirklich sehr hilfreich wäre, aber es ist oft so langweilig. Da suche ich noch nach einem Weg, dem Ganzen etwas Würze zu geben.

Was meine Schüler*innen auch gerne mögen: Sätze, mit deren Hilfe sie Vokabeln aus dem Zusammenhang erraten können! Und sie arbeiten gerne an Arbeitsblättern, die wie Rätsel angelegt sind. Da steht dann zum Beispiel der Satz: „Would it be ostentatious to wear a top hat to the prom? I don’t want to be too flashy or over-the-top.“ Aus dem Zusammenhang können sie das Wort erschließen und die Situation dient als Merkhilfe.

Nutzt du bewusst Methoden und Strategien aus der Fremdsprachendidaktik? Sprichst du dich mit Kolleg“innen ab, die an deiner Schule Fremdsprachen unterrichten? 

Ja, das machen wir teilweise auch. Manchmal führen wir auch Vokabellisten. Ich versuche es immer ein bisschen interessant und abwechslungsreich zu gestalten. Wir verwenden auch Vokabel-Cartoons, die auf Wortschatzerweiterung ausgelegt sind und auch Strategien für das Abspeichern von Vokabular beinhalten. Ich glaube, immer wenn Schüler*innen etwas durch Entdecken erlernen, dann ist das Lernen nachhaltig und eindrücklich. Und es macht Spaß!

Ich weiß, dass Schüler*innen, die eine andere Erstsprache haben, oft bewusst ihre Muttersprache nutzen um Wortbedeutungen zu erschließen. Das Wort „facade“ zum Beispiel war für meine spanischsprechenden Schüler*innen ganz leicht zu entschlüsseln.

Welche Methode für das Vokabellernen ist dir und deinen Schüler*innen am meisten in Erinnerung geblieben?

Ehrlich: High School Uncut.  Ich habe den Schüler*innen zehn Vokabeln vorgegeben und sie mussten ein Script für einen Kurzfilm entwerfen, dann schauspielerisch umsetzen, filmen, bearbeiten, schneiden  und produzieren.  Am Anfang dauerte es zwei Wochen, bis ein Film fertig war. Am Ende konnten sie eine komplette Episode innerhalb von zwei Tagen erstellen. Ja, das hat schon viel Unterrichtszeit in Anspruch genommen. Sie haben sich für ein High School-Drama entschieden, sie hätten aber auch etwas anderes machen könnten: eine dystopische Welt, eine geschichtliche Begebenheit, so lange sie die Wörter verwendeten. Alle Schüler*innen lernten die Begriffe, sie behielten sie und fingen sogar an, sie in ihrem täglichen Leben zu verwenden. Zum Beispiel kommen sie nun morgens in die Klasse und sagten: „I’m so lethargic!“ oder „Miss, he was just being so condescending to me!“

Wenn Du angehende Lehrer*innen ausbildest, hast du eine besondere Botschaft an sie bezüglich der Vokabelarbeit?

Einer meiner Kurse ist vollständig dem Spracherwerb gewidmet und die Studierenden entwickeln eigene Wege, um den Schüler*innen zu helfen, Vokabeln zu lernen. Vor allem sollen sie lernen, Vokabeln im Zusammenhang (mit Context Clues) zu vermitteln, damit sie das an die Schüler*innen weitergeben können.

 


Beitragsbild: Monkey Business | Adobe Stock

Mareike McKim

Über Mareike McKim

Mareike McKim ist Gymnasiallehrerin für die Fächer Englisch, Deutsch und Darstellendes Spiel an einer Gesamtschule mit gymnasialer Oberstufe in Hessen. Sie ist UNESCO-Delegierte für die Rolle von Bildung für Frieden und Nachhaltigkeit. Gemeinsam mit ihren Kollegen beim Pestalozzi-Programm des Europarats und anderen ehemaligen Finalisten des Weltlehrerpreises setzt sie sich für nachhaltige Bildung und die Anerkennung des Lehrberufs ein. Ihr Konzept einer Bildung für Frieden und Nachhaltigkeit vertritt sie als Sprecherin und Autorin in Fortbildungen und bei Konferenzen, u.a. bei TEDxHeidelberg. Blog: www.mareikehachemer.jimdo.com

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