Enfants du numérique oder digital natives? Mit neuen französischen Begriffen will Frankreich Anglizismen bekämpfen

Enfants du numérique oder digital natives?

Mit neuen französischen Begriffen will Frankreich Anglizismen bekämpfen

Kaum ein Land beschützt seine Sprache so sehr wie Frankreich. Unter anderem ist gesetzlich vorgeschrieben, dass mindestens 40 Prozent der Musik im Radio französischsprachig sein müssen, und Werbeanzeigen müssen zumindest eine französische Übersetzung fremdsprachiger Werbeslogans anbieten. In dieser Woche jährt sich die Semaine de langue française et de la francophonie zum 22. Mal – ein guter Anlass, um einen Blick auf die Aktivitäten der Sprachwächter in Frankreich zu werfen.

Alternativen zu Anglizismen

Ein besonderer Dorn in den Augen der Sprachbeschützer sind Anglizismen. Zusammen mit zahlreichen technologischen und wissenschaftlichen Neuheiten schwappen jedes Jahr neue englische Wörter aus den USA nach Europa – Begriffe für Dinge, über die wir sprechen möchten, ohne eigene Wörter dafür haben. Um den unvermeidlichen Sprachwandel nicht zu behindern, Anglizismen aber trotzdem einzudämmen, ist in Frankreich eine amtliche Sprachkommission am Werk. Ihre Aufgabe: Französische Begriffe für neue Anglizismen zu entwickeln, ehe die sich durchsetzen können. So soll zum Beispiel méga-données den englischen Ausdruck big data ersetzen. Mot-dièse ist der französische Begriff für Hashtag. Ist von formation en ligne die Rede, dann geht es um E-Learning, und während wir in Deutschland den englischen Begriff digital natives übernommen haben, um über die von Kindesbeinen an mit Computern vertraute Generation zu sprechen, sollen Franzosen über die enfants du numérique reden. Mitunter reicht schon eine leichte Änderung der Endung, um ursprünglich englischen Begriffen einen französischen Anstrich zu geben, wie zum Beispiel der Neologismus twittosphère und das neue Verb troller zeigen. Beide Wörter haben es auch in die 2017er-Ausgabe des Petit Robert geschafft.

Nicht alle französischen Neologismen setzen sich durch

Gar nicht so selten geht der Plan der „Commission d’enrichissement de la langue française“ auf und die Bevölkerung nimmt einen französischen Begriff an. Dass Computerprogramme auf Französisch logiciels heißen und man sie nicht auf dem Computer, sondern dem ordinateur – oder liebevoller ordi – laufen lässt, steht in Frankreich außer Frage. Aber auch Anglizismen wie week-end und football sind aus der Sprache nicht mehr wegzudenken. Und email bzw. mail halten sich neben dem aus Québec stammenden Kofferwort courriel (zusammengesetzt aus courrier und électronique) hartnäckig.

Was ein französisches Wort ist, bestimmt die Académie

Auch die Entscheidung, ob ein Wort Teil der französischen Sprache ist, unterliegt in Frankreich einer amtlichen Entscheidung. Erst mit der von der Académie française abgesegneten Veröffentlichung im journal officiel, dem Gegenstück des deutschen Bundesanzeigers, gehen neue Wörter offiziell in die Sprache ein.

Eine normative Zusammenfassung des lexikalischen Sprachinventars bietet außerdem das Wörterbuch der Académie française. Mit normativ ist hier gemeint: Es geht nicht um eine Beschreibung des aktuellen, sondern eher des gewünschten Sprachgebrauchs. Jede neue Auflage ist ein Unterfangen, das mehrere Jahrzehnte umfasst. Seit 1990 arbeitet die Académie an der neunten Auflage, zuletzt wurde im November 2016 der Abschnitt von Raie bis Recez veröffentlicht.

Weil sich aber die Sprache während dieser langen Redaktionszeit auch wieder erheblich ändert, fügt die Redaktion außerdem laufend addenda hinzu: neue Wörter, die alphabetisch in die bereits veröffentlichten Wörterbuch-Teile gehören, aber zum Zeitpunkt der Veröffentlichung noch nicht existierten.

Von aérosol bis postiche – neue französische Wörter im Überblick

Und wie aktuell ist Ihr französischer Wortschatz? Die Liste mit Beispielwörtern, die seit 1990 in die neue Auflage des Dictionnaire der Académie française übernommen wurden, könnte Ihnen einen Anhaltspunkt liefern. Oder Sie springen direkt zu den Wörtern, die es trotz fremdsprachlichen Ursprungs ins Wörterbuch geschafft haben, hier finden sich einige unterhaltsame Überraschungen. Aus dem Deutschen etwa sind zuletzt unter anderem die Wörter bretzel, pinscher und plexiglas in die französische Sprache übernommen worden.


 

Beitragsbild: fotolia #137169495 | Urheber: astrosystem

Alexandra Mankarios

Über Alexandra Mankarios

Studierte Sprachlehrforscherin, Journalistin und privat ein echter Sprachenfan: Spricht vier Sprachen fließend und hat zwei unterrichtet. Begeistert sich für Semantik und würde gern einmal ihr eigenes mentales Lexikon aufschlagen.

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