Flipped Classroom: umgedrehter Unterricht

Flipped Classroom: umgedrehter Unterricht

Digitale Bildung braucht mehr als nur eine interaktive Tafel oder ein Smartphone im Unterricht. Es müssen passende Unterrichtsmethoden her, damit digitale Medien sinnvoll im Unterricht genutzt werden können. Eine davon könnte aus meiner Sicht die Flipped-Classroom-Methode sein.

Im traditionellen Unterricht stand die Lehrkraft an der Tafel und dozierte die meisten der 45 Minuten. Die Übungsaufgaben erledigten die Schülerinnen und Schüler dann allein zu Hause. Bei der Unterrichtsmethode „Flipped Classroom“ oder auch „Inverted Classroom“ ist dieses Unterrichtskonzept komplett umgedreht. Die Schülerinnen und Schüler erarbeiten sich die Lerninhalte selbst zu Hause, zum Beispiel durch Videos oder kleine Texte. Die 45 Minuten in der Schule sind für die Anwendung der Inhalte reserviert. Die Lehrkraft übernimmt die Rolle des Lernbegleiters, unterstützt und gibt Feedback. Der Vorteil: Die Schülerinnen und Schüler können sich in entspannter Lernatmosphäre und individuellem Tempo den Stoff aneignen. In der Unterrichtszeit bleibt genug Zeit für Austausch und Übung. Aus einem lehrerzentrierten Unterricht wird kooperatives Lernen. Mehrere Studien belegen, dass Flipped-Classroom-Settings die Motivation und Zufriedenheit der Lernenden steigern können.

Geflippter Fremdsprachenunterricht

Wie kann dieses Konzept nun im Fremdsprachenunterricht funktionieren? Der Erwerb von kommunikativen Kompetenzen ist das übergeordnete Ziel jedes Fremdsprachenunterrichts. Durch die Methode des Flipped Classroom kann genau dies – die Kommunikation – im Vordergrund stehen. Die Lehrkraft kann die Zeit effektiv für Projekte nutzen, die eine natürliche Kommunikation und Interaktion fördern sowie die Anwendung der erworbenen Kenntnisse erfordern. Allerdings übernehmen in dieser Methode die Schülerinnen und Schülern ein hohes Maß an Verantwortung, ihren eigenen Lernprozess zu Hause zu gestalten, um dann vorbereitet in den Unterricht zu kommen. Daher würde ich diese Unterrichtsmethode für fortgeschrittene Lernende empfehlen. Dies hat auch den Vorteil, dass sie schon Kenntnisse in Wortschatz und Grammatik mitbringen und Strategien beherrschen, um dieses Wissen zu erweitern.

Wortschatzarbeit umgedreht

Ich nehme mir immer viel Zeit, um den Wortschatz für meine Schülerinnen und Schülern in der Unterrichtsstunde einzuführen. Dabei habe ich alle Vokabeln an der Tafel, um das Schriftbild zu verdeutlichen. Oft habe ich auch ganze Sätze vorbereitet oder zeige Bilder, damit die Vokabeln in einem passenden Kontext erklärt werden. Schließlich ist ein aktiv genutzter Wortschatz entscheidend für das erfolgreiche Lernen einer Sprache. Ein weiterer positiver Nebeneffekt meiner Erklärungen: Die Klasse hört die Vokabeln mehrmals mit der richtigen Aussprache. Zwar lauschen meine Schülerinnen und Schüler meinen Ausführungen andächtig, doch wenn im Anschluss diese Vokabeln in einem Lesetext auftauchen, sehe ich, dass sie einige Wörter trotzdem nachgeschlagen müssen. Hier kam mir also die Idee, die Einführung und Vertiefung des Wortschatzes als vorbereitende Aufgabe zu stellen.

Und wie sieht das nun konkret aus?

Ich habe mich für die Einführung des Konzeptes Flipped Classroom für eine siebte Klasse entschieden. Das Lehrbuch Access 3 (2015) von Cornelsen thematisiert in Unit 3 die Liverpooler Fußballszene. Eine ganze Seite widmet sich der Strukturierung des thematischen Vokabulars, das dann als Vorbereitung für einen Hörtext, eine kreative Schreibaufgabe und einen Film dienen soll. Um den Fokus im Unterricht stärker auf die kompetenzorientierten Aufgaben zu legen, wurde die Vorbereitung der Vokabeln zur Hausaufgabe. Damit die Schülerinnen und Schülern genug Zeit für die Bearbeitung der Aufgabenformen haben, bekamen sie eine ganze Woche Zeit. Die Aufgaben bestehen aus verschiedenen Formaten und Schwierigkeitsstufen. Ich entschied mich bewusst gegen ein Video, da es für diese Altersstufe kein passendes Material gibt und die Schülerinnen und Schüler sich schon mit Methoden wie Bildbeschreibungen und Mindmaps auskennen.

Am Ende dieser Übungen können sie ein kurzes Quiz auf der Homepage der BBC machen. In der darauffolgenden Stunde sollten die Schülerinnen und Schüler zunächst Zeit bekommen, um die Aufgaben mit einem Partner zu vergleichen. Wer die Hausaufgaben nicht erledigt hat und unvorbereitet in die Stunde kommt, kann sich mit einem elektronischen Wörterbuch fehlende Übersetzungen und die Aussprache der Wörter zu erarbeiten. Im Anschluss sollte es eine gemeinsame Unterrichtsphase geben, um weiteren Fehlerquellen vorzubeugen und die Anwendung der Vokabeln zu vertiefen. Dies kann zum Beispiel über eine Bildbeschreibung erfolgen. Hier sind der Kreativität der Lehrkraft keine Grenzen gesetzt. Im nächsten Schritt könnte man dann zum Film übergehen und weitere kreative Projekte anschließen.

Mein Fazit

In der Flipped-Classroom-Methode steckt viel Potenzial. Ich finde, dass sich der Wortschatz als Hinführung zur Methode perfekt „flippen“ lässt. Sind die Lernenden einmal in der Methode geschult, kann sie natürlich auch für Grammatikwiederholungen oder Einführungen in Landeskunde genutzt werden. Dazu kommt, dass digitale Medien hier sinnvoll in den Lernprozess eingebunden werden. Am Ende möchte ich besonders hervorheben, dass die Schülerinnen und Schüler ihren eigenen Lernprozess aktiv mitgestalten und dies eine entscheidende Kompetenz für die Zukunft ist.

Download Unterrichtsmaterial: Arbeitsblätter Flipped Classroom (PDF)


Beitragsbild: Fotolia

Kathrin Grüling

Über Kathrin Grüling

Kathrin Grüling ist ein echtes Nordlicht und unterrichtet seit 2011 Englisch und Latein im schönen Buchholz in der Nordheide. Für ihre Schülerinnen und Schüler erstellt sie gerne eigene Lektüren und möchte nun ihre Ideen für einen innovativen Lateinunterricht teilen.