Goethe-Skulptur in Ilmenau/Thüringen

Gedichte mehrfach übersetzen – stille Post mit Fremdsprachen

Vom Original zu neuen Kreationen durch Übersetzungen

Eine kuriose Geschichte rankt sich um Goethes Gedicht Wandrers Nachtlied – genauer gesagt den bekannten zweiten Teil des Gedichts, der gelegentlich mit Ein Gleiches überschrieben ist.

Über allen Gipfeln
Ist Ruh,
In allen Wipfeln
Spürest du
Kaum einen Hauch;
Die Vögelein schweigen im Walde.
Warte nur, balde
Ruhest du auch.

Die Geschichte geht so: Im Jahr 1902 hat angeblich jemand das Gedicht ins Japanische übersetzt. Diese Version wurde dann 1911 in die französische Sprache übersetzt. Und den französischen Text hat schließlich wieder eine andere Person in die Deutsche Sprache übertragen, ohne sich bewusst zu sein, dass es sich beim Original um ein Goethe-Gedicht handelte. Das angebliche Endergebnis hat mit dem ursprünglichen Gedicht kaum noch etwas gemeinsam:

Stille ist im Pavillon aus Jade
Krähen fliegen stumm
Zu beschneiten Kirschbäumen im Mondlicht.
Ich sitze
Und weine.

Zu schön, um wahr zu sein

Der Haken an der Geschichte: Sie lässt sich leider nicht belegen. Deshalb liegt der Verdacht nahe, dass es sich um eine Art Urban Legend handelt. Dass sie sich trotzdem hartnäckig hält und sogar in der Fachliteratur für Übersetzer nachzulesen ist, liegt vermutlich daran, dass sie ein häufiges Problem beim Übersetzen anschneidet: Überträgt man einen Text in eine andere Sprache, dann ist das Ergebnis ein nicht nur sprachlich veränderter Text. Das zeigt sich bei Gedichten besonders deutlich. Reime funktionieren nicht mehr, lautmalerische Elemente gehen verloren, viele Wörter sind in den Sprachen unterschiedlich konnotiert. Kulturell verankerte Bilder lassen sich nur mit Mühe übersetzen. Was in der einen Sprache gut klingt und berührt, kann in einer anderen künstlich, kitschig, absurd oder einfach langweilig wirken.

Das heißt allerdings nicht, dass ein übersetztes Gedicht zwangsläufig im Vergleich zum Original verliert. Im Gegenteil: Wer gar nicht erst versucht, möglichst originalgetreu zu übersetzen, sondern den Ursprungstext eher als Inspiration versteht, kann mit ein bisschen Kreativität die Originalvorlage durchaus noch übertrumpfen.

Unterrichtsidee: Gedicht mehrfach übersetzen

Die Idee lässt sich auch als Literaturprojekt im Fremdsprachunterricht in der Oberstufe umsetzen: Die Schülerinnen und Schüler übersetzen in Gruppen ein Gedicht – im ersten Schritt von der Fremdsprache ins Deutsche. Wichtig: Kreativität ist erwünscht, es geht nicht darum, möglichst nah am Ausgangstext zu bleiben. Anschließend reicht jede Gruppe ihr Ergebnis an eine andere weiter, natürlich ohne den Originaltext. Die nächste Gruppe übersetzt es dann wieder zurück und so weiter, bis jedes Gedicht zum Beispiel viermal hin und her übersetzt ist.

Variationen des Gedichtprojekts

Noch spannender kann der Stille-Post-Effekt sein, wenn die Texte den Klassenraum verlassen. Zum Beispiel, indem eine Partnerklasse im Ausland in die eine, eine Schulklasse in Deutschland in die andere Richtung übersetzt. Alternativ ist auch eine fächerübergreifende Zusammenarbeit möglich, bei der ein Gedicht in weitere Sprachen übersetzt wird, ehe es wieder bei der Ursprungssprache ankommt. Auch als Gedichtwerkstatt während der Projektwoche ließe sich so Lehrreiches mit Unterhaltsamem verknüpfen.

Und wozu das Ganze?

Aus mehreren Gründen: So führt die aktive Auseinandersetzung mit dem Ursprungstext automatisch dazu, dass die Schülerinnen und Schüler sich intensiv mit dem Originalgedicht beschäftigen – beim Übersetzen kommen unausweichlich Fragen auf, wie ein Vers oder Wort gemeint ist. Hinzu kommt eine interkulturelle Komponente, die je nach Wahl des Gedichts unterschiedlich stark ausfallen kann. Und schließlich kann ein Vergleich der verschiedenen Übersetzungen am Schluss die Erkenntnis fördern, dass Übersetzung – egal, ob auf Satz- oder Wortebene – eben nicht nur eine 1:1-Übertragung in eine andere Sprache ist, sondern dass man sich dem Original nur annähern kann. Eine gemeinsame Reflektion darüber, welchen Schwierigkeiten die Schülerinnen und Schüler begegnet sind und wie sie sie gelöst haben, sollte deshalb unbedingt das Gedichtprojekt abschließen.

 

Eine von mehreren Übersetzungstafel an der Wand des Goethehäuschens - By: Fewskulchor (Own work) CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

Eine von mehreren Übersetzungstafel an der Wand des Goethehäuschens – By: Fewskulchor (Own work) CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

 

Die echten Übersetzungen von Wandrers Nachtlied

Dass sich Goethes Gedicht übrigens durchaus recht nah am Original übersetzen lässt, hat sich im „Goethejahr“ 1999 gezeigt. Zum 250. Geburtstag des Dichters hatten renommierte Goethe-Übersetzer aus aller Welt Versionen des Texts in mehreren Sprachen beigesteuert – ein Großteil davon ist bis heute auf der Internetseite der Stadt Ilmenau abrufbar. Unweit der Stadt befand sich nämlich die Jagdhütte, an deren Wand Goethe 1780 das Gedicht erstmals geschrieben hatte.

 

Beitragsbild: fotolia #86739479 | Urheber: Henry Czauderna

Alexandra Mankarios

Über Alexandra Mankarios

Studierte Sprachlehrforscherin, Journalistin und privat ein echter Sprachenfan: Spricht vier Sprachen fließend und hat zwei unterrichtet. Begeistert sich für Semantik und würde gern einmal ihr eigenes mentales Lexikon aufschlagen.

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