Immersion: Anregungen aus dem Sprachbad

Warum fremdsprachliche Kommunikation über interessante Sachthemen so viel bringt

Wenn es um immersiven Unterricht geht, macht sich oft eine gewissen Ehrfurcht breit. Es ist beeindruckend, dass die Methode tatsächlich funktioniert: Schülerinnen und Schüler tauchen in das berühmte „Sprachbad“ ein und erwerben auch mit vergleichsweise wenig theoretischer Unterweisung Wortschatz und grammatische Strukturen. Dass trotzdem an den meisten Schulen nicht vollständig immersiv unterrichtet wird, hat allerdings gute Gründe: Zum einen sind die Lernfortschritte gerade am Anfang eher gering, zum anderen ist echter immersiver Unterricht sehr aufwendig. Damit die Methode funktioniert, müssen die Lehrkräfte immer wieder für so deutliche Kontextinformationen und Hilfestellungen sorgen, dass die Klasse die Inhalte trotz sprachlicher Lücken versteht. Und anders als beim Erwerb der Muttersprache ist der Input im Unterricht zeitlich auf einige wenige Stunden in der Woche begrenzt. Dadurch kann die Immersion auch nur begrenzt Wirkung entfalten.

Immersive Elemente sind besonders motivierend

Andererseits finden sich auch im herkömmlichen Unterricht viele immersive Elemente wieder – zum Beispiel, wenn im Klassenzimmer ausschließlich in der Zielsprache kommuniziert wird. Und immer dann, wenn sich die Schülerinnen und Schüler in der Fremdsprache mit einem für sie interessanten Sachthema beschäftigen, zu dem sie reichen sprachlichen Input und die nötigen Hilfestellungen erhalten. Wortschatz-Blog-Autor Matthias Wunsch hat zum Beispiel vor einiger Zeit darüber geschrieben, wie er Englisch mit seinem Technik-Unterricht verknüpft. Häufig sind die immersiveren Ansätze auch zugleich die, an denen die Schülerinnen und Schüler besonders viel Freude haben – weil sie ihre Kompetenz dann selbst fühlen können. Der Fokus geht weg vom Blick auf Fehler und hin zum Erreichten.

Das Internet als Inputquelle nutzen

Auch viele Lehrkräfte hätten sicher Lust, mehr solche Projekte in ihren Unterricht einzubauen. Aber mit einem eng getakteten Lehrplan ist dafür nicht immer ausreichend Zeit. Trotz aller Missstände und Schwierigkeiten während der Coronakrise habe ich diese Zeit auch als eine Chance gesehen, dem hohen Druck im normalen Unterricht zu entgehen und ein wenig mehr Zeit für Sprachbad-Erfahrungen zu finden. Das Internet ist schließlich voll von interessantem Input – das reicht von Filmen in der Originalsprache über Podcasts, Fanfiction oder Blogs bis hin zu Foren, Onlinespielen und Kochrezepten.

Filme für die Jüngeren

Natürlich ist nicht jeder dieser Inhalte für jedes Sprachniveau geeignet. Aber für jedes Sprachniveau ist etwas dabei. Jüngere Schülerinnen und Schüler haben vielleicht Spaß daran, einen Film in der Originalsprache zu sehen, den sie schon einmal auf Deutsch gesehen haben und deshalb kennen. Untertitel können zusätzlich beim Verstehen helfen. Auch wenn die Kinder danach sicher nicht vom Sofa aufstehen und perfekt in der Fremdsprache parlieren, haben sie doch viel Input erhalten, haben erfahren, wie sich die Fremdsprache anhört und vermutlich mindestens einzelne Sätze verstanden. Auch Kochrezepte sind bereits für die Jüngeren leicht zu verstehen, weil sich viele Vokabeln wiederholen – und am Ende steht noch eine leckere Mahlzeit auf dem Tisch.

Eine Surftipp-Sammlung in der Klasse erstellen

Ältere Schülerinnen und Schüler können bereits mehr verstehen, viele informieren sich ohnehin mehrsprachig über ihre Interessen. In der Coronazeit und in den Ferien haben einige von ihnen vielleicht sogar die freie Zeit dafür genutzt. Diese Aktivitäten lassen sich auch im Unterricht einbauen. Zum Beispiel könnte die Klasse eine Sammlung ihrer persönlichen Surftipps veröffentlichen: Alle stellen darin – zum Beispiel jeweils auf einer Seite – eine Website vor, die sie für ihre Interessen oder Hobbys besonders interessant finden. Dazu gehören ein Kurzporträt der Seite, ein Screenshot und eine Erklärung, was daran besonders interessant finden. Zusätzlich entwickeln sie ein kleines Glossar von etwa zehn Vokabeln, die dabei helfen, sich das Thema und die Inhalte der Website zu erschließen. So können die Schülerinnen und Schüler fremdsprachlich bei ihren eigenen Interessen anknüpfen und sie der Klasse präsentieren. Und ganz sicher ist am Ende in der Sammlung auch der eine oder andere Surftipp dabei, der auch die weniger sprachaffinen Schülerinnen und Schüler ins virtuelle Sprachbad lockt.

Alexandra Mankarios

Über Alexandra Mankarios

Studierte Sprachlehrforscherin, Journalistin und privat ein echter Sprachenfan: Spricht vier Sprachen fließend und hat zwei unterrichtet. Begeistert sich für Semantik und würde gern einmal ihr eigenes mentales Lexikon aufschlagen.

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