Immersion: Anregungen aus dem Sprachbad

Warum fremdsprachliche Kommunikation über interessante Sachthemen so viel bringt

Wenn es um immersiven Unterricht geht, macht sich oft eine gewissen Ehrfurcht breit. Es ist beeindruckend, dass die Methode tatsächlich funktioniert: Schülerinnen und Schüler tauchen in das berühmte „Sprachbad“ ein und erwerben auch mit vergleichsweise wenig theoretischer Unterweisung Wortschatz und grammatische Strukturen. Dass trotzdem an den meisten Schulen nicht vollständig immersiv unterrichtet wird, hat allerdings gute Gründe Weiterlesen

Individuelles Feedback bei Tests

Wie individuelle Rückmeldungen bei Tests nachhaltiges Lernen fördern können

Die Verfügbarkeit kommunikativer Mittel zählt zu den wichtigsten Kompetenzen im modernen Fremdsprachenunterricht. So steht es in den Beschlüssen der Kultusministerkonferenz. Ob die Schüler*innen grammatische Strukturen und Wortschatz auch wirklich beherrschen, wird neben den schriftlichen Leistungskontrollen auch in Tests überprüft.

In Klausuren und Klassenarbeiten sind individuelle und detaillierte Rückmeldungen über die erbrachte Leistung mit Bewertungsrastern schon üblich. Bei Tests hingegen beschränkt sich die Rückmeldung viel zu oft auf richtig oder falsch. Das spart Zeit, aber man verschenkt wertvolle Ressourcen. Es lohnt sich auch bei Tests, den Schüler*innen ein konstruktives Feedback und damit auch eine Rückmeldung zum eigenen Lernstand zu geben. Weiterlesen

Zehn Strategien, um nachhaltig Vokabeln zu lernen

Seit Jahren beschäftige ich mich mit der Frage, wie Menschen Wortschatz in einer Fremdsprache lernen. Unter anderem haben wir hier im Wortschatz-Blog seit über drei Jahren eine breite Auswahl an Tipps, Übungen und Studien zum Thema zusammengestellt. Mitte August bekam ich die Gelegenheit, das gebündelte Wissen noch einmal in einem ganz neuen Kontext anzuwenden – meine Tochter besucht jetzt die fünfte Klasse am Gymnasium. Der zuvor an der Grundschule eher gemütliche Englischunterricht ist seitdem einem straffen Pensum gewichen, mitunter muss sie von einer Woche zur nächsten seitenweise Vokabeln lernen.

Seitens der Schule gibt es wenig Vorgaben und Hilfestellung, wie die Kinder dabei vorgehen sollen. Deshalb habe ich versucht herauszufinden, was ihr am besten hilft. Und da ich höre, dass das Lernen großer Mengen von Vokabeln auch andere Familien umtreibt, stelle ich hier einmal zehn Praxistipps zusammen, die sich nicht nur als sinnvoll, sondern auch familienverträglich herausgestellt haben. Ich würde mich freuen, wenn sich mehr Lehrerinnen und Lehrer die Zeit nehmen würden, den Kindern ein paar dieser Tipps und Methoden mit auf den Weg zu geben.

1. Wohlfühlen muss sein

Unsere Gehirne funktionieren unter Druck nicht besonders gut. Deshalb ist eine entspannte Lernatmosphäre mehr als nur ein Nice-to-have. Zur Lernvorbereitung gehört: einen hellen, gemütlichen Platz zum Lernen finden, Störfaktoren und Unordnung beseitigen. Im Idealfall wird die Lernvorbereitung mit der Zeit zum Ritual, das auch dem Gehirn signalisiert: Gleich bekommst du neues Futter, mach dich bereit.

2. Lerndauer und Pensum planen

Jedes Wort braucht seine Zeit. Zehn Vokabeln am Tag (was über einen längeren Zeitraum richtig viel ist!) bleiben leichter im Gehirn als 70 auf einmal am Wochenende. Ein weiterer Vorteil, wenn man ein klares Pensum für jede Übungseinheit festlegt: Irgendwann ist das Ziel erreicht und das Lernen für diesen Tag beendet. Macht man das nicht, dann erscheint die gesamte Vokabelmenge wie ein Fass ohne Boden. Und das erzeugt ungesunden Druck (s. Tipp Nr. 1). Auch Wiederholungen sollten eingeplant werden, denn sogar Superhirne müssen Wörtern mehrfach begegnen, um sie nachhaltig zu lernen. Liegen ein bis zwei Tage zwischen den Wiederholungen, dann ist die Chance groß, dass die Begriffe auch langfristig im Hirn gespeichert bleiben.

3. Mit Musik geht’s besser

Diese Erfahrung kennen die meisten: Wir können uns zunächst nicht an einen Liedtext erinnern, aber sobald die ersten Klänge und Worte ertönen, ist plötzlich alles wieder da. Grund dafür ist die kuriose Fähigkeit unserer Gehirne, lange Wortfolgen in einem Stück abzuspeichern. Besonders gut klappt das, wenn der Text einem Rhythmus oder einer Melodie folgt. Und darin liegt ein großes – und viel zu selten genutztes – Potenzial für das Lernen von Vokabeln. Wenn wir Sätze mit neuen Vokabeln mit einer Melodie versehen, fällt das Behalten viel, viel leichter. Um zum Beispiel Personalpronomina mit ihren jeweiligen Possessivbegleitern zu verknüpfen, hat meine Tochter Beispielsätze auf den Sprechgesang der Fridays-for-Future-Demos („Kohlekonzerne – baggern in der Ferne …“) getextet: I am in my house. You are in your house. – und so weiter. Wer sich für nicht so melodisch begabt hält, kann auch rappen. Wenn man dazu noch tanzt, verschafft das auch gleich Bewegung beim Lernen. A propos Klang: Studien zeigen, dass wir uns Wörter besser merken, die wir von verschiedenen Sprechern hören. Sind gerade keine zehn verschiedenen Muttersprachler*innen verfügbar, muss man das selbst übernehmen: Einfach mit verstellter Stimme sprechen. Das macht Spaß und hilft – nach meiner empirisch nicht überprüften Erfahrung – auch ein wenig.

4. Beschäftigung mit der Wortform

Das eigentlich neue an neuen Vokabeln ist die Wortform. Die Bedeutung ist uns in der Regel schon bekannt, man muss sie nur noch mit der Vokabel verknüpfen. Anders gesagt: Wer die Vokabel „dog“ lernt, weiß in der Regel schon, was ein Hund ist. Deshalb sollte zunächst das Lernen der Wortform im Vordergrund stehen. Dazu muss man sich mit ihr beschäftigen – jede Form der gedanklichen Auseinandersetzung mit Wortklang und Zeichenfolge hilft. Bei „dog“ könnte das die Nähe zur deutschen „Dogge“ sein oder auch ein mentales Bild von einem Hund, der einen Hot Dog frisst. Rückwärts buchstabieren, ein Bild des Wortes malen, in dem jeder Buchstabe wie ein Hund aussieht, Reimwörter finden – alles ist erlaubt und dient dem Gehirn als Merkhilfe.

5. Erst verstehen, dann selbst produzieren

Bevor Kinder ihre ersten Wörter in der Muttersprache produzieren, haben sie viele Monate lang sprachlichen Input erhalten. Diese Reihenfolge gilt auch beim Lernen einer Fremdsprache: Erst nach ausreichend Input können wir zur Sprachproduktion übergehen. Deshalb ist es sinnvoll, sich zunächst mit der Sprachrichtung Fremdsprache – Deutsch zu beschäftigen und die neuen Vokabeln mehrfach zu lesen und zu hören. Erst wenn die Wörter im Gehirn angekommen sind, ist der Moment gekommen, die Sprachrichtung umzudrehen und die frisch gelernten Vokabeln selbst hervorzubringen.

6. Kommunikative Mini-Übungen erfinden

Die Evolution hat unsere Gehirne nicht entwickelt, damit wir Vokabeln für die Schule pauken. Seine gewaltige Sprachlernfähigkeit soll uns ermöglichen, mit anderen Menschen zu kommunizieren. Deshalb gilt: Was für die Kommunikation nützlich ist, wird behalten. Sobald die Wortform bekannt ist (aber erst dann!), können selbsterdachte kommunikative Mini-Übungen dazu beitragen, dass die Wörter nicht nur im Abfragemodus, sondern auch für die Kommunikation abrufbar sind. Inspirationen für Übungen bieten die Englischlehrwerke. Auch Rollenspiele, kleine Dialoge oder E-Mail-Entwürfe – etwa an eine ausgedachte Freundin in Großbritannien – eignen sich als erste Anwendungsfelder.

7. Fehler als Lernanlässe nutzen

Egal, wie gut das Lernen läuft – ohne Fehler geht es nicht. Zum Glück haben unsere Gehirne eine eingebaute Korrekturfunktion: Aus Fehlern lernen wir besonders gut. Zum Beispiel so: Alle Vokabeln, die noch nicht sitzen, kommen auf einen „Spickzettel“. Der wird dann im Nebenraum hinterlegt. Wenn in der nächsten Abfragerunde eine dieser Vokabeln an der Reihe ist, ist ein Gang in den Nebenraum und ein Blick auf den Spickzettel erlaubt. Der Zettel bleibt aber im Nebenraum – die Vokabel muss also mindestens für den Rückweg behalten werden. Meistens bleibt sie mit dieser Methode noch lange darüber hinaus im Gedächtnis. Übrigens zeigen Studien, dass kein Versuch, eine Vokabel aus dem Gehirn abzurufen, umsonst ist: Auch gescheiterte Versuche schmieren sozusagen die Verdrahtung zur Vokabel.

8. Zu zweit üben

Ob Klassenkamerad*innen, Geschwister oder Eltern: Mit einem „Sparringspartner“ bieten sich mehr Möglichkeiten, um abwechslungsreich Vokabeln zu üben. Zum Beispiel sind zu zweit verschiedene Abfrageformen und kommunikative Übungen möglich. Außerdem können Übungspartner*innen unmittelbar Feedback geben. Und schließlich kann es auch für das eigene Lernen hilfreich sein, wenn man sich Übungen für andere ausdenkt.

9. Karteikarten-Lernen – auch digital

Vokabeln mit Karteikarten zu lernen, hat viele Vorteile. Vor allem lassen sich bereits beherrschte Wörter von noch zu lernenden trennen, außerdem lässt sich die Reihenfolge variieren. Aber die klassischen Papp-Karteikarten haben auch ein paar Nachteile: Sie anzufertigen ist stupide Fleißarbeit, und wer zu Chaos neigt, hat schnell den Überblick über die vielen in Wohnung und Schulranzen verteilten Kartenstapel verloren. Das Prinzip ist aber auch mit technischen Hilfsmitteln umzusetzen, etwa mit der Favoritenfunktion elektronischer Wörterbücher oder zum Beispiel mit der App Phase 6. Sie bietet eine virtuelle Vokabelkartei auf Smartphone, Tablet oder Computer an. Besonders praktisch ist dabei, dass sich die Vokabeln aller gängigen Lehrwerke als fertige Karteikarten und nach Unterrichtseinheiten sortiert dazukaufen lassen (ca. 10 Euro pro Lehrwerk).

10. Auch Grammatik wie Vokabeln lernen

Eine weit verbreitete Auffassung vom Fremdsprachenlernen unterscheidet zwischen Wortschatz und Grammatik. In diesem Verständnis sind die Wörter die inhaltlichen Zutaten der Sprache, während die Grammatik die Bauanleitung liefert, um die Wörter zu sinnvollen Sätzen zusammenzustellen. Diese Sicht täuscht darüber hinweg, wie tief Grammatik und Wortschatz miteinander verwoben sind. Kinder lernen die muttersprachliche Grammatik immerhin ausschließlich durch kommunikativen Input und nicht etwa durch langatmige Erklärungen. Das lässt sich auch auf dem Fremdsprachenunterricht übertragen. Grammatikregeln zu kennen ist wichtig und hilfreich. Um sie auch anwenden zu können, ist es sinnvoll, Beispielsätze wie Vokabeln zu lernen. Wer zum Beispiel weiß, dass „es regnet“ auf Englisch „it’s raining“ heißt, muss nicht erst das komplette Kapitel „Present progressive“ im Gehirn abrufen. Betreibt man dieses Vorgehen konsequent, erhält das Hirn mit der Zeit genug Futter, um die Grammatik auch dann noch korrekt anzuwenden, wenn die Erinnerung an die dazugehörige Regel längst verblasst ist.

 


Beitragsbild: pressmaster | Adobe Stock

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Mediation – immer wieder mit Übersetzung verwechselt

Warum viele Schülerinnen und Schüler Mediationsaufgaben unterschätzen

Mediationsaufgaben in unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden ziehen sich im Fremdsprachenunterricht durch alle Schulstufen. In meinen Klassen 11 bis 13 an beruflichen Schulen stelle ich trotzdem immer wieder fest, dass den Lernenden nicht ganz klar ist, war eine Mediation ist und wie sie an die Aufgabe herangehen. Weiterlesen

Mündliches Feedback bei Wortschatzarbeit

Warum Fehlerkorrektur wichtig ist und wann sie hilft

Feedback im Fremdsprachenunterricht bewegt sich im Spannungsfeld zwischen „Message before Accuracy“ und „Vorsicht vor Fossilierung“. Es geht also einerseits darum, nicht zu demotivieren, wenn die Aussage trotz eines Fehlers verständlich ist. Andererseits gilt es aber auch zu verhindern, dass Aussprachefehler die Verständlichkeit beeinträchtigen und dass mehrere Lernende falsche Aussprache oder Wortverwendung übernehmen. Weiterlesen

Vokabeln lernen: Viel Kontext hilft nicht viel

Studie: Kontext erleichtert Verstehen, aber nicht das Behalten

Geht es um die Frage, wie sich Schülerinnen und Schüler am besten neue Vokabeln merken können, dann fällt fast immer der Begriff „Kontext“. Vokabeln im Kontext zu lernen, gilt als hilfreich: Das Gehirn arbeitet mit Vernetzungen, deshalb fällt der Zugriff auf gut vernetzte Wörter leichter. Und wer anstelle isolierter Vokabeln ganze Sätze oder wenigstens Mehr-Wort-Kombinationen lernt, läuft weniger Gefahr, die Wörter später falsch anzuwenden. Soweit alles richtig. Weniger bekannt ist allerdings, dass ein zu informativer Kontext das Lernen neuer Vokabeln auch erschweren kann. Das aber zeigt eine aktuelle Studie. Weiterlesen

Wie Lehrkräfte ihren Wortschatz erweitern (können)

Eine Frage beschäftigt mich seit einer Weile: Wie erweitern eigentlich Lehrerinnen und Lehrer ihren Wortschatz? Die meisten von uns sind selbst nicht Muttersprachler der Sprachen, die wir unterrichten und es gibt immer noch etwas zu lernen. Aber wie tun wir das? Und wieso? Weiterlesen

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Lernen fürs Leben: Verknüpfungen sind alles

Wortschatz und Grammatik verbinden und visualisieren

Gallia est omnis divisa in partes tres, quarum unam incolunt Belgae, aliam Aquitani, tertiam qui ipsorum lingua Celtae, nostra Galli appellantur.

Bis heute kann ich den ersten Satz aus Cäsars Bellum Gallicum auswendig und erinnere mich noch genau an die Lateinstunde, in der ich die Zeile aufsagen musste.

Gallien ist im Ganzen in drei Teile geteilt, von denen den einen die Belgier bewohnen, den zweiten die Aquitanier und den dritten die, welche in ihrer eigenen Sprache Kelten, in unserer Gallier heißen.

Gut verknüpftes Wissen wird im Langzeitgedächtnis gespeichert und ist im besten Fall ein Leben lang abrufbar. Genau diese Langzeitspeicherung ist das erklärte Ziel einer jeden Unterrichtsstunde. Die Schülerinnen und Schülern lernen nicht nur für 45 Minuten, sondern fürs Leben. Weiterlesen

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Wie Lehrkräfte den eigenen Wortschatz im Fluss halten

Wir sprechen immer viel über den Wortschatzerwerb bei unseren Schülern, aber was ist eigentlich mit uns? Müssen wir Lehrer, wenn wir das Studium und Referendariat hinter uns haben, eigentlich nie mehr an unserem Wortschatz arbeiten?

Wohl kaum! Auch wir müssen ständig unseren Wortschatz verwenden, festigen und erweitern. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass sich mein Englisch nach einer längeren Pause (z.B. die Sommerferien) wie eingerostet anfühlt. Habe ich viel und längere Zeit in Schulformen mit sehr niedrigem Niveau unterrichtet, brauche ich einen Moment um wieder auf Gymnasialniveau zu unterrichten. Ich glaube allerdings, das ist ganz normal. Weiterlesen

Vom Input zum Wortschatzerwerb

Wie können Lehrerinnen und Lehrer Vokabeln so unterrichten, dass die Lernenden die neuen Wörter möglichst nachhaltig und gebrauchsfertig in ihren Gehirnen verankern? Wortschatz-Blog hat bei dem Wissenschaftler Joe Barcroft nachgefragt. Barcroft forscht an der Washington Universität in St. Louis (USA), zum Thema „Lexical Input-Processing“ – also den Sprachverarbeitungsprozessen, mit denen Menschen neue Wörter im Hirn verankern. Er hat zehn Tipps für Lehrkräfte zusammengestellt. Weiterlesen