Konkordanzen: Forschungsmaterial für Sprachdetektive

So lassen sich Textkorpora – gewaltige Sprachsammlungen – im Fremdsprachenunterricht nutzen

Medienberichte, literarische Texte, verschriftliches gesprochenes Material – Textkorpora sind riesige Sprachsammlungen. In ihnen können Linguisten sprachlichen Phänomenen aller Art nachforschen, aber auch für Lehrkräfte halten die digital durchsuchbaren Textsammlungen einiges bereit.

Auf den ersten Blick allerdings kann so ein sprachliches Korpus ganz schön erschlagend wirken. Das British National Corpus beispielsweise enthält 100 Millionen Wörter, die aus 4.124 verschiedenen geschriebenen und gesprochenen Texten stammen. Beinahe dreimal so viele Wörter enthält das französische Korpus Frantext. Und das sind nur zwei der unzähligen Korpora, die im Internet zum Teil kostenlos verfügbar sind – neben sehr allgemeinen Sammlungen gibt es auch interessante Korpora, die aus sehr speziellem Material bestehen, so etwa nur Reden amerikanischer Präsidenten oder nur mündliche Texte erwachsener bilingualer Sprecher. Besonders viele Korpora für verschiedene Sprachen sind über die Website Lextutor erreichbar.

Konkordanzprogramme sortieren die Sprachdaten

Viele Korpora sind im Netz nicht nur öffentlich zugänglich, sondern bieten auch Tools an, um die Texte zu durchsuchen. Auf Knopfdruck lassen sich so genannte Konkordanzen erstellen – Listen, die zum Beispiel ein bestimmtes Wort in allen verfügbaren Texten ausfindig machen und nach Kontext sortieren. Dabei hilft, dass die Wörter im Korpus mit weiteren Informationen hinterlegt sind. Die Software erkennt dadurch Wortarten automatisch – etwa um gleichlautende Verben und Substantive auseinanderzuhalten. Außerdem ist bei gebeugten Wörtern häufig die Grundform hinterlegt. Je nach Konkordanzprogramm lassen sich zum Beispiel die Treffer nach Wörtern rechts oder Links des Suchbegriffs sortieren. Auch Stellen, an denen zwei bestimmte Begriffe nah aneinander stehen, finden Konkordanzprogramme zuverlässig.

Was Lehrkräfte mit Korpora anfangen können

Das Datenmaterial und die Suchmöglichkeiten unterstützen Lehrkräfte auf vielfältige Art und Weise, so zum Beispiel:

  • um authentische Textbeispiele für den Unterricht zu finden,
  • um ähnliche Begriffe besser voneinander abzugrenzen (s. Bildergalerie unten mit Funden zu hear und listen),
  • um empirisch zu überprüfen, ob eine Formulierung möglich ist,
  • um Kollokationen zu finden oder ihre Häufigkeit besser einzuschätzen.

Konkordanzen für listen und hear – ein Klick auf die Bilder startet die Galerie.

Korpora für die Schülerinnen und Schüler

Auch die Lernenden selbst können Korpora nutzen und Sprachforschung betreiben. Allerdings ist dafür ein gewisser Wortschatz unerlässlich – die Idee eignet sich also eher für fortgeschrittene Lerner. Erleichterung könnte hier zumindest im Englischunterricht der 1k Graded Corpus bieten, der sich nur aus den 1.000 häufigsten Wortfamilien zusammensetzt und – neben zahlreichen anderen Korpora – über das kanadische Portal Lextutor erreichbar ist. Lernende können mit Korpora unter anderem:

  • Wörter finden, die häufig mit anderen Wörtern zusammenstehen,
  • herausfinden, welcher von zwei ähnlichen Begriffen in einem bestimmten Kontext besser passt,
  • prüfen, welche Strukturen bei bestimmten Begriffen nötig sind,
  • mehrdeutige Begriffe voneinander identifizieren,
  • Begriffe mit ähnlicher Bedeutung besser unterscheiden,
  • die – oftmals unübersichtliche – Verwendung einzelner Präpositionen untersuchen.

Für Fortgeschrittene: Apps und Tools für die Arbeit mit Korpora

Einen kleinen Nachteil bringen leider fast alle Online-Korpora mit sich: Sie sind nicht wirklich komfortabel und intuitiv zu bedienen. Das hat damit zu tun, dass Konkordanzen einerseits eine Menge Funktionen bieten müssen, die Anbieter aber häufig – zum Beispiel als Hochschule – nicht die Mittel besitzen, um schicke Hochglanz-Apps zu entwickeln. Abhilfe schaffen einige Tools von Drittanbietern, die meisten kosten allerdings einen – moderaten – Beitrag. Kostenlos und für alle Betriebssysteme verfügbar ist die Software AntConc. Sie untersucht keine Korpora im Netz, vielmehr müssen sich die Anwender die Korpora herunterladen oder eigene Textsammlungen verwenden. Sehr weitreichende Analysen, allerdings nur für Windows-Nutzer bietet das Programm Wordsmith Tools.

Wer es lieber browserbasiert mag, kann sich bei Sketch Engine anmelden – ein 30-Tage-Trial ist umsonst, danach können Schulen die Dienste gegen eine geringe Gebühr abonnieren. Der Service greift auf vorhandene Korpora zurück und erlaubt nicht nur die Erstellung von Konkordanzen, sondern auch sehr detaillierter Wortanalysen und -vergleiche. Dafür sortiert er unter anderem häufige den Kontext nach verschiedenen Kriterien (etwa nach Stellen, in denen „[Suchwort] ist ein …“ oder „[Suchwort] und …“ erscheint). Das kann sprachlich sehr aufschlussreich sein – sogar weit über konkrete Wortschatzfragen hinaus.

Wortprofile für woman und man mit der Browser-App Sketch Engine. Ein Klick auf die Bilder startet die Galerie.

 


Beitragsbild: fotolia #101191239 | Urheber: Frank Boston

Alexandra Mankarios

Über Alexandra Mankarios

Studierte Sprachlehrforscherin, Journalistin und privat ein echter Sprachenfan: Spricht vier Sprachen fließend und hat zwei unterrichtet. Begeistert sich für Semantik und würde gern einmal ihr eigenes mentales Lexikon aufschlagen.

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