Lernvideos im Lateinunterricht

Anbieter, Inhalte und Einsatzmöglichkeiten im Überblick

Viele unserer Schülerinnen und Schüler sitzen nachmittags an ihren Hausaufgaben und verzweifeln regelmäßig. So denkt der Sechstklässler David: „Herr Maier hat mir das mit dem AcI zwar heute erklärt, aber ich weiß einfach nicht mehr, wie das genau funktioniert …“ Was macht David jetzt? Er könnte das Lateinheft frustriert in die Ecke donnern oder die Klassenbeste Julia anrufen. Julias Lateinkenntnisse hat er aber schon gestern in Anspruch genommen, deshalb kommt das nicht in Frage. Das Heft in die Ecke donnern auch nicht, da demnächst eine Klassenarbeit zum AcI ansteht und David dabei gut abschneiden will. Also doch die alte Grammatik rausholen und das Kapitel zum AcI noch einmal durchlesen. Danach ist David genauso schlau wie zuvor. „Die Sprache in der Grammatik ist so gar nicht meine Sprache“, denkt er. Was jetzt? Also doch das Heft in die Ecke pfeffern …?

Der Fall ist ziemlich konstruiert, das ist mir klar, aber dennoch nicht komplett unrealistisch. Für einen Schüler wie David wäre ein Lernvideo zum AcI vielleicht genau das richtige. Er könnte in seinem Tempo und in seiner Sprache noch einmal die Inhalte wiederholen und idealerweise das Ganze mit Übungen festigen. Dann stellt auch die Hausaufgabe kein Problem mehr dar. Darum soll es heute gehen: Lernvideos!

Was sind Lernvideos?

Lernvideos sind meist kurze Videosequenzen (bis max. zehn Minuten), die ein Thema – meistens aus dem Bereich „Grammatik“ – mit einem digitalen Tafelanschrieb erklären und mit Beispielen verknüpfen.

Beispiel: Lernvideo „Gerundium“ von latein-unterrichten.de

Wie können Lernvideos eingesetzt werden?

Lernvideos können im Lateinunterricht in vielfältiger Weise eingesetzt werden.

  • Zum einen ist denkbar, das Video im Plenum mit der Klasse anzuschauen und somit den Lehrervortrag zu ersetzen oder zu unterstützen. Das hat den Vorteil, dass die Videos die Lernmotivation der Schülerinnen und Schüler steigern und die Lehrkraft sich in dieser Phase auch mal zurückziehen kann.
  • Eine weitere Möglichkeit: jede Schülerin, jeden Schüler sieht sich das Video individuell im Computerraum oder auf einem Tablet an. Auf diese Weise könnten sich die Schülerinnen und Schüler in ihrer individuellen Geschwindigkeit mit dem Video befassen und auch mal ohne Vorgabe den Pausenknopf drücken.
  • Eine letzte Möglichkeit wäre, das Betrachten des Lernvideos in die häusliche Arbeit zu verlagern. Als Wiederholung eines Themas oder als weiteres Übungsangebot.

Egal, wie Lernvideos im Lateinunterricht eingesetzt werden – ohne konkreten Arbeitsauftrag geht es nicht und ohne eine Ergebnissicherung auch nicht.

Wo finde ich Lernvideos?

Für mich war es überraschend, dass es doch einige Plattformen gibt, die Lernvideos für den Lateinunterricht anbieten. Viele der Angebote kommen aus dem Bereich „Online-Nachhilfe“ und sind deshalb kostenpflichtig. Hier eine Übersicht:

Website Anzahl Videos Themen Kosten Kommentar
latein-unterrichten.de 23 GR* gratis – aufwendige Videos mit interaktiven Übungen
YouTube-Kanal von Nina Toller (tollerunterricht.com) 12 GR/TA* gratis – Schüler- und Lehrervideos
sofatutor.com ca. 600 WS/GR/TA/AK* ab 15€/Monat – einige kostenlose Videos

– zusätzliche Übungen

learnattack.de (DUDEN Verlag) ca. 100 GR/TA* ab 19€/Monat im 24-Monate-Abo – einige kostenlose Videos bei YouTube verfügbar

– Übungen und Klassenarbeiten

schuelerhilfe.de ca. 120 WS/GR/TA/AK* ab 5€/Monat – Webinare

– Vokabeltrainer-Apps

– Online-Hilfe

* WS=Wortschatz, GR=Grammatik, TA=Textarbeit, AK=Antike Kultur

Zusammenfassend kann man feststellen, dass zu fast jedem Thema des Lateinunterrichts im Netz ein Video angeboten wird – in den meisten Fällen aber nur gegen Bezahlung. Deshalb möchte ich an dieser Stelle vor allem die Videos von Ulf Jesper (latein-unterrichten.de) erwähnen. Herr Jesper ist Studienleiter am „Institut für Qualitätsentwicklung an Schulen“ in Schleswig-Holstein und hat in die Erstellung der Videos sehr viel Mühe und seine didaktische Kompetenz investiert. Herausgekommen sind Videos, die nicht nur einfach einen deduktiven Lehrervortrag ersetzen, sondern auch induktive Elemente beinhalten. Es gibt zum Beispiel in jedem Video immer wieder Haltepunkte, an denen die Schülerinnen und Schüler ihre gelernten Inhalte verschriftlichen sollen.

Wie kann ich Lernvideos selbst erstellen?

Man kann natürlich auch den nächsten Schritt gehen und die Erstellung eines Lernvideos in Schülerhand geben. Dafür gibt es einige Tools, die sich relativ selbsterklärend nutzen lassen. Infos dazu finden sich bei H5P und Screencast-O-Matic. Die Plattform e-teaching.org des Leibniz-Institut für Wissensmedien in Tübingen bietet in einem eigenen Beitrag sehr detaillierte Informationen zur Erstellung von Lern- und Erklärvideos an.

Da trotz allem einiges technisches Verständnis und eine gewisse Ernsthaftigkeit vorhanden sein sollte, würde ich ein solches Projekt frühestens in der Oberstufe (ab Klasse 10) angehen. Ansprechende Schülerbeispiele findet man z. B. auf dem YouTube-Kanal der Lehrerin Nina Toller. An diesen Videos kann man gut sehen, dass es kein Hexenwerk ist und sich der Aufwand in Grenzen hält.

Es spricht natürlich nichts dagegen, dass auch wir Lehrende uns an das Thema machen und selbst ein Lernvideo erstellen – zum Beispiel zur Abwechslung nicht nur zur Grammatik, sondern auch einmal für die Wortschatzarbeit.

Wie kann ich Lernvideos für die Wortschatzarbeit nutzen?

Wenn man sich die Masse von Lernvideos genauer anschaut, findet man in erster Linie Videos zur Morphologie (Formenlehre) und zur Syntax (Satzlehre). Videos zum Umgang mit Wortschatz sind nur vereinzelt zu finden, zum Beispiel zur Wortbildungslehre. Weitere denkbare Wortschatzthemen, die sich über ein Lernvideo darstellen lassen würden, wären unter anderem Komposita, Wortfamilien, Sachfelder, Wortfelder.

Lassen Sie Ihrer Kreativität freien Lauf!


Beitragsbild: fotolia #158863650 | Urheber: Antonioguillem

Dennis Gressel

Über Dennis Gressel

Dennis Gressel ist ein waschechter Badener und unterrichtet seit 2006 am altsprachlichen Bismarck-Gymnasium in Karlsruhe die Fächer Latein, Sport und Ethik. Er ist auch in der Weiterbildung für Lehrkräfte tätig und möchte hier seine Ideen zu einem modernen und motivierenden Lateinunterricht einbringen.

0 Kommentare

Dein Kommentar

An Diskussion beteiligen?
Hinterlasse uns Deinen Kommentar!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.