LGBTIQ*: Wortschatz zum Thema „Gender“

Das Thema Gender. In den Lehrplänen und Kerncurricula der Oberstufe steht es als fakultatives Thema. Das heißt in der Praxis meist: Das schaffen wir jetzt nicht mehr. Sollten wir aber, weil es wichtig ist.

Lieber nochmal über Multikultur in Amerika sprechen – das kommt auf jeden Fall im Abi dran. Wenn wir dann doch über Gender sprechen, dann meist in Kombination mit einem verpflichtenden Sachthema, bei einer Kurzgeschichte, zur Migration in Großbritannien, als Randbemerkung bezüglich der unterschiedlichen Chancen von Männern und Frauen in der Globalisierung. Was die meisten Kolleg*innen – mich über Jahre hinweg eingeschlossen – auslassen: Gender als Spektrum, (Nicht-)Identifikation mit den vorgelebten Rollen. Dabei ist dieses Thema insbesondere für unsere Jugend von fundamentaler Bedeutung in der Ich-Findung. Die LGBTIQ*-Bewegung findet extremste Formen von Anerkennung und Ablehnung in der amerikanischen Kultur sowie meist ein relatives Desinteresse in der deutschen Kultur.

In amerikanischen Schulen hat lesbisch, schwul und transgender zu sein mehr Raum als in deutschen Schulen. So ist es zum Beispiel in den USA üblich, an der Schule eine Arbeitsgemeinschaft zu haben, in der sich alle Schüler*innen des Regenbogens und ihre unterstützenden Freunde treffen, um über Coming-out, Mobbingerfahrungen, Anlaufstellen und Öffentlichkeitsarbeit zu sprechen. Bei Schulfesten sind sie mit Regenbogenfahnen präsent, bieten gemeinsam mit einer Lehrperson eine Anlaufstelle für alle Mitschüler*innen, die ebenfalls entdecken, dass dieses Thema in ihrem Leben Bedeutung hat. Das ist wichtig, denn die Pubertät ist eine Zeit der Selbstentdeckung. Das Fehlen von Rollenmodellen und Akzeptanz anderer kann zu schweren psychischen Belastungen führen.

Verschiedene Lebensmodelle sichtbar machen

Zwei volle Absätze habe ich nun dem “Warum?” gewidmet. So viel wie noch bei keinem anderen Thema, das ich im Wortschatzblog vorgestellt habe. Auch ich scheine also das Gefühl zu haben, mich rechtfertigen zu müssen, diesem Thema im Unterricht Platz einzuräumen. Wen wundert es: An deutschen Schulen – insbesondere im ländlichen Raum – werden Orientierung und Identität meist ignoriert. Meine Bestrebungen, an einer Schule als Lehrerin Ansprechperson für queere Jugendliche sein zu dürfen, wurden bisher unter den Tisch fallen gelassen. Noch im letzten Jahr gab es in verschiedenen deutschen Städten Demonstrationen vor den Bildungsministerien gegen die angebliche “Verbreitung der Gender-Ideologie” in deutschen Schulen. Dabei ging es letztlich um das Erwähnen anderer Lebensmodelle, um das Vorkommen in literarischen Auszügen, um die Normalität, dass auch das Paar Leon und Max in der Matheaufgabe vorkommen könnte, nicht nur Leon und Lea. Oder dass Lea sich vielleicht gar nicht als Frau identifiziert. Das könnte ganz normal sein. Drei Absätze. Noch immer verteidige ich meinen Unterrichtsplan.

Video „Guess my gender“

In der gymnasialen Oberstufe gibt es – wie oben angedeutet – eigentlich viel Raum für das Einbringen von LGBTIQ*-Identitäten. Die Unterrichtsstunde, die ich vorschlage, ist um ein Video namens “Guess my Gender (Post-Interviews)“ aufgebaut.

In dem Video erzählen sieben Menschen von ihrer Genderidentität. Sie erklären dabei, was es für sie heißt, transgender, cisgender oder nichtbinär zu sein. Leider ist keine intergeschlechtliche Person darunter. Das Thema kann aber von der Lehrkraft ergänzt werden, so dass auch deutlich wird, dass Geschlecht auch auf der physiologisch sichtbaren Ebene nicht binär ist. Eine komplette Abbildung aller Termini des Geschlechterspektrums ist nicht in einer Stunde zu leisten. Die wichtigste Botschaft: Es ist zu stark vereinfacht, nur von Männern und Frauen zu sprechen. Und es gibt Diversität, über die man durch respektvolles Zuhören lernen kann. Vor dem Ansehen des Videos besprechen die Schüler*innen zunächst zu zweit, welche Vorkenntnisse sie zum Thema Geschlechteridentitäten haben und ob es Begriffe gibt, die sie bereits gehört haben, aber bei denen sie sich vielleicht unsicher sind, was sie bedeuten. So aktivieren sie Interesse und Vorkenntnisse. Anschließend schauen sie das Video an.

Vorschau Unterrichtsmaterial zum Video "Guess my Gender": Fragen. Download als PDF am Ende des Artikels.

Vorschau Unterrichtsmaterial zum Video „Guess my Gender“: Fragen (Anklicken zum Vergrößern). Download als PDF am Ende des Artikels.

Die Suche nach einem geeigneten Video war nicht ganz einfach: Das Sprachniveau sollte zur Oberstufe passen, Untertitel sollten (zwecks Binnendifferenzierung) verfügbar sein. Die Akteur*innen durften durchaus nonkonform sein, um zum Nachdenken anzuregen, sollten aber auch nahbar sein. Es sollte keine Werbung im Video vorkommen. Am liebsten wäre mir ein Video mit Teenagern gewesen, da sich unsere Jugendlichen tendenziell stärker für Gleichaltrige interessieren. Alle Videos mit Jugendlichen waren allerdings entweder sehr hektische Influencer-Videos mit Werbung und ohne Struktur oder sie waren gleich von Vorneherein von einer großen Firma gesponsert. Ich entschied mich also für dieses Video, auch wenn die Akteure eher mittleren Alters sind.

Beim ersten Anschauen, sollen die Schüler*innen nur schauen und hören. Im besten Fall ist dann Zeit für ein zweites Anschauen, bei dem Begriffe notiert werden können, die sie klären möchten. Eine beigefügte Vokabelliste hilft beim Nachschlagen einfacher Definitionen. Hier werden die Begriffe cis, trans, nonbinary, genderqueer, gender noncoforming und agender erklärt, außerdem Konzepte wie passing, dysphoria, internalized transphobia und assigned gender. Als kurze verbale Fußnote kann die Lehrkraft erläutern, was das Wort Gemini bedeutet und warum die erste Aussage nicht wirklich zum Thema passt. Eine Person erklärt im Video, Gender sei wie das Sternzeichen Zwillinge, es sei schwierig sich mit ihm anzufreunden. Glücklicherweise ist dieser Ausflug nur 15 Sekunden lang; das hielt ich für verkraftbar.

Nun sollen die Schüler*innen die verschiedenen Zitate aus dem Video lesen und durch Erinnerung und Ausschlussverfahren zuordnen, wer welche Pronomen und Selbstbezeichnungen verwendet und welches von jeweils drei Zitaten nicht zu den vorgeschlagenen Sprechenden passt.

Vorschau Unterrichtsmaterial zum Video "Guess my Gender": Zitate zuordnen. Download als PDF am Ende des Artikels.

Vorschau Unterrichtsmaterial zum Video „Guess my Gender“: Zitate zuordnen (Anklicken zum Vergrößern). Download als PDF am Ende des Artikels.

In all diesen Schritten wird das neue Vokabular erneut rezipiert und wiederholt. Eine kurze Gesprächsphase kann angeschlossen werden, in der Fragen gesammelt werden. Die Schüler*innen können die neuen Vokabeln auch noch in einer Zuordnungsübung festigen, bei der Begriff, Definition und Beispielsatz wieder verbunden werden sollen. Das gleiche Arbeitsblatt könnte allerdings auch als kurze Überprüfung des Vokabulars verwendet werden oder kann sowohl zu Wortschatzerweiterung oder Spracherwerb als auch zur Überprüfung eingesetzt werden.

Das eigene Verhalten hinterfragen

Die eigentliche Diskussionsphase der Stunde bezieht sich auf die Atmosphäre während der Unterrichtsstunde. Es ist meines Erachtens nach nicht sinnvoll, eine Leitfrage zu formulieren, die die Existenz verschiedener Geschlechtsidentitäten hinterfragt. Vielmehr soll es darum gehen zu reflektieren, ob die Schüler*innen während des Ansehens des Videos eine veränderte Stimmung wahrnahmen. Wurde gelacht? Gab es beleidigende Kommentare? Stiegen irgendwelche Emotionen auf? Auch die Frage, wie es denen, die nicht den üblichen Genderrollen entsprechen wohl ginge, wenn sie diese Atmosphäre miterleben, oder ob der Klassenraum ein sicherer Ort für alle Schüler*innen ist, kann aufgeworfen werden. Wer in den Bereich Empathie noch etwas tiefer einsteigen möchte, kann auch Rollenkärtchen verteilen: „You are Jes, you are non-binary. You are preparing to come out to your friends.“

In einer Selbstreflektion zum Stundenende oder einer Hausaufgabe können die Schüler*innen die Fragen erörtern, welche dieser Konzepte sie tiefgehender interessieren, ob sie ihr eigenes Geschlecht jemals hinterfragt haben und ob sie wüssten, an wen sie sich wenden können, wenn sie bemerken, dass sie in diesem Bereich Gesprächsbedarf haben. Wichtig ist dabei, im Kopf zu behalten, dass statistisch mit hoher Wahrscheinlichkeit in der Klasse einige Schüler*innen persönlich betroffen sind. Deshalb sollte es zur der vorgeschlagenen Selbstreflexion kein öffentliches Follow-up geben. Und auch bereits geoutete Schüler*innen sollten sich zu keinem Zeitpunkt genötigt fühlen, ihre persönliche Gender-Identität zu diskutieren.

Weiterführend wäre es auch möglich, tiefer in die amerikanische Jugendkultur einzutauchen, indem man sich mit dem dortigen Konzept einer LGBTIQ*-AG an der Schule beschäftigt und möglicherweise eine eigene solche Interessensgruppe und Anlaufstelle gründet – vielleicht sogar mit Hilfe aus den USA oder Kanada. Vielleicht war jemand aus der Klasse bereits zum Austausch dort und kann einen Kontakt zu einer GSA (Gender/Sexuality Alliance) herstellen.

Download: Unterrichtsmaterial zum Video „Guess my Gender“ (PDF, Copyright: Mareike Hachemer)

 


Beitragsbild: fotolia #272486204 | Urheber: Syda Productions

Mareike Hachemer

Über Mareike Hachemer

Mareike Hachemer ist Gymnasiallehrerin für die Fächer Englisch, Deutsch und Darstellendes Spiel an einer Gesamtschule mit gymnasialer Oberstufe in Hessen. Sie ist UNESCO-Delegierte für die Rolle von Bildung für Frieden und Nachhaltigkeit. Gemeinsam mit ihren Kollegen beim Pestalozzi-Programm des Europarats und anderen ehemaligen Finalisten des Weltlehrerpreises setzt sie sich für nachhaltige Bildung und die Anerkennung des Lehrberufs ein. Ihr Konzept einer Bildung für Frieden und Nachhaltigkeit vertritt sie als Sprecherin und Autorin in Fortbildungen und bei Konferenzen, u.a. bei TEDxHeidelberg. Blog: www.mareikehachemer.jimdo.com Twitter: @25MaHa

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