Mündliches Feedback bei Wortschatzarbeit

Warum Fehlerkorrektur wichtig ist und wann sie hilft

Feedback im Fremdsprachenunterricht bewegt sich im Spannungsfeld zwischen „Message before Accuracy“ und „Vorsicht vor Fossilierung“. Es geht also einerseits darum, nicht zu demotivieren, wenn die Aussage trotz eines Fehlers verständlich ist. Andererseits gilt es aber auch zu verhindern, dass Aussprachefehler die Verständlichkeit beeinträchtigen und dass mehrere Lernende falsche Aussprache oder Wortverwendung übernehmen.

In der Fachliteratur und den Studienseminaren wird teilweise empfohlen, sparsam zu korrigieren und in erster Linie durch eigenes richtiges Verwenden subtil Einfluss zu nehmen. Viele Lehrkräfte trauen sich kaum noch zu korrigieren, um die Freude am Sprachenlernen nicht zu verdrießen. Ich habe in Unterrichtsbeobachtungen allerdings auch häufig gesehen, dass Schülerinnen und Schüler sehr gut damit umgehen können, wenn häufig korrigiert wird, solange dies respektvoll und nicht mit Beschämung oder gar Aggression kombiniert wird.

Fehler gehören dazu

Spracherwerb ist immer eine fortlaufende Schleife aus Input, Sprachkonstruktion, Feedback und Korrektur. Deshalb ist es so wichtig, beim Spracherwerb eine fehler- und korrekturfreundliche Atmosphäre zu schaffen. Die Lernenden werden immer aus dem, was ihnen bekannt ist, Wortklänge oder Verwendungsannahmen bilden, die möglicherweise der Korrektur bedürfen. Zum Beispiel fließen in ihre Lernersprache Germanismen, falsche Freunde oder falsch verwendete Vokabeln ein. Nach Konrad Macht („Vom Umgang mit Fehlern“. In: Johannes P. Timm (Hg.). Englisch lernen und lehren: Didaktik des Englischunterrichts 1998, S. 353-365) brauchen wir im Unterricht also Raum für Fehlerdiagnose, Fehleranalyse und Fehlertherapie.

Wir erinnern uns an die kognitiv-konstruktivistische Spracherwerbstheorie von Bausch: Lernende bilden Lernhypothesen bezüglich der Aussprache oder der Anwendungsmöglichkeiten eines neuen Begriffs, testen und evaluieren diese und verwerfen oder erweitern sie gegebenenfalls. Durch Assimilation und Akkommodation wird das Sprachmodell stetig verändert. Heißt im Klartext: Unsere Schülerinnen und Schüler entwickeln Thesen. Wenn sie mit Vokabular konfrontiert werden, das nicht zu den bisher gebildeten Hypothesen passt, biegen sie entweder den neuen Wortschatz, bis er in die These passt (und produzieren dabei gegebenenfalls Fehler) oder sie ändern und erweitern ihre Thesen. Unkorrigierte Falschbildungen würden dabei zur Verhärtung (Fossilisierung) falscher Annahmen führen. Daraus folgt: Fossilisierung gilt es zu vermeiden! Fehler sind im Sprachunterricht erlaubt und Korrektur ist es auch.

Korrektur? Ja! Aber wann und wie?

Um den Lernenden möglichst gute Startbedingungen zu ermöglichen, bemühe ich mich darum, dass sie immer erst eine längere Phase des Hörens (Sprachdusche) bekommen, bevor sie selbst sprechen. Außerdem achte ich darauf, dass sie anschließend mehrfach in überschaubaren Kontexten reproduzieren können, bevor es ans freie Sprechen geht.

Dann lautet die Frage zur Korrekturart: Ist die Unterrichtsphase inhalts- oder formbezogen? Lernen wir gerade neues Vokabular? Dann ist eine Korrektur unbedingt angebracht.

Dies kann zum Beispiel durch Mehrfachwiederholungen der neuen Worte mit sehr deutlicher Betonung durch die Lehrkraft oder geeignetes audiovisuelles Material geschehen. Die Lernenden ahmen immer wieder nach. Dabei wird die Aufmerksamkeit verstärkt auf besonders schwierige Laute gelenkt und das Hören geschult. Frühes Korrigieren ist hier sehr wichtig. Sowohl zu Beginn einer Einheit als auch zu Beginn eines Schuljahres lohnt es sich, in frühe Korrekturen zu investieren. Insbesondere die Schülerinnen und Schüler vor der 6. Klasse sollten hier nicht „geschont“ werden. Je früher die Lernenden mit neuen Phonemen in Kontakt kommen und diese genau zu hören und zu bilden lernen, desto leichter können sie sie übernehmen.

Es ist durchaus in Ordnung, eine Ausspracheform als falsch zu identifizieren. Eventuell können sich Lernende auch selbst korrigieren, wenn sie kurz darauf hingewiesen werden, dass eine Korrektur nötig ist oder sie können andere Klassenkameraden um Hilfe bitten. Jede Lehrkraft sollte für sich die Entscheidung treffen, wie genau die Korrektur ausfallen soll und auf welche Aussprachenuancen sie in der Korrektur beharren möchte.

In inhaltsbezogenen Unterrichtsphasen: „Message before Accuracy“

Sind die Jugendlichen in eine lebendige Diskussion über den Klimawandel involviert oder sprechen sie gerade mit einer Partnerklasse in Nigeria, so sollte in dieser Phase möglichst keine Korrektur erfolgen. Schmerzlich habe in Erinnerung, wie ich in einer solchen Situation einmal den Fehler gemacht habe, einen Schüler zu korrigieren. Er verwendete einen Schlüsselbegriff in einer Diskussion so häufig, dass ich befürchtete, der Begriff „Carbohydrants“ (er meinte carbon dioxide) würde sich wohl bei allen Mitschülern festsetzen. Ich entschied mich also, die Diskussion kurz zu unterbrechen und die Gruppe darauf hinzuweisen. Florian war darüber nicht sehr erfreut: „Vielen Dank für die Scheiß-Bemerkung!“ knurrte er mich an. Wir haben das Ganze dann später in einem Gespräch unter vier Augen geklärt. Die richtige Vokabel dürfte aber bei allen angekommen sein.

Inhaltsbezogene Phasen, in denen die Botschaft im Vordergrund steht, sollen auch nicht korrekturlos bleiben, sondern bieten Diagnosemöglichkeiten für spätere Feedback- und Inputphasen. Während eines Unterrichtsgesprächs kann die Lehrkraft immer wieder selbst die richtige Wortverwendung einbringen oder auch durch Mimik oder Vorflüstern Einfluss nehmen. Bei Schülerpräsentationen sollten Fehler notiert und später gebündelt thematisiert werden, beim Vorlesen von Schülerprodukten kann das Feedback im Anschluss erfolgen. In Gruppenphasen ist es auch sinnvoll, typische Fehler zu notieren oder ein sprachlich starkes Kind als Sprachbeobachter*in Fehler notieren zu lassen. Gegenüber von Grammatik- und Semantikfehlern, die sich deutlich besser auf Papier korrigieren lassen, haben phonologische und lexikalische Fehler in der mündlichen Unterrichtskommunikation immer Vorfahrt.

Zeit für Selbstkorrektur einplanen

Für viele Menschen (Erwachsene ebenso wie Kinder) kann es unangenehm sein, nach einem Fehler zur sofortigen Korrektur aufgefordert zu werden. Die Schülerinnen und Schülern sollten zumindest immer die Gelegenheit erhalten, das Wort im inneren Ohr auch tatsächlich zu hören und erst einmal aufzunehmen, bevor es reproduziert werden soll. Wenn ein Kind einen bestimmten Laut zum Beispiel nicht ohne Weiteres produzieren kann, ist es nicht hilfreich, dem Kind den Laut einmal vorzusprechen und dann eine sofortige Verbesserung zu erwarten. Oft brauchen wir Zeit und auch Ruhe, um zu üben und ohne Publikum Fortschritte zu machen. Zur Selbstkorrektur brauchen wir also Feedback und dann Zeit.

Für diese Übungsphase können wir einem Kind zum Beispiel einen Videolink mit auf den Weg geben, in dem die entsprechende Aussprache häufig und deutlich zu hören ist. Wir können anregen, mit den Audiofunktionen eines elektronischen Wörterbuchs ein Wort immer wieder anzuhören und nachzusprechen. Es gibt auch Apps und Software wie zum Beispiel von Speechace.co, die Wendungen vorspricht und nachsprechen lässt und ein kleines Feedback gibt. Wenn man es bis „You got it! Are you a native speaker?“ geschafft hat, kann man sich durchaus ein bisschen stolz fühlen.

Unterrichtsstunden für die Aussprache reservieren

Was in unserem Unterricht noch selten vorkommt, sind Stunden, die ganz der Aussprache gewidmet sind. Denkbar wären zum Beispiel einige Unterrichtsstunden, die sich den Lauten widmen, die uns im Ausland meist als deutsche Muttersprachler entlarven: Ein Gedicht, in dem besonders viele „v“ und „w“ vorkommen, kombiniert mit Beispielen dazu, wie wir Deutschsprachigen oft verwirrt sind, weil wir den u-Anklang des Ws eigentlich nicht aus unserer eigenen Sprache kennen, könnte da eine interessante Herausforderung darstellen. Und auch ein paar Regeln zur Aussprache können thematisiert werden. Wenn etwa gerade die Wörter „Psychology“ und „Pseudonym“ eingeführt werden, könnte der Zeitpunkt gekommen sein, zu erklären, dass im Englischen das „p“ in „ps“-Kombinationen am Wortanfang nicht gesprochen wird. Wir können mit Minimalpaaren die Unterschiede zwischen Vokalaussprachen pen –pin) oder zur im Englischen nicht vorhandenen Auslautverhärtung (kit – kid) vorführen und auch ein Erklärvideo zu den Vokalklängen im Mund einbauen. Neben solchen Bewusstmachungen hilft es auch, wenn die Schülerinnen und Schüler Lautschrift lesen können – schließlich erschließt sich gerade auf Englisch die Aussprache eines Wortes nicht immer anhand der Schreibweise. Ein paar Übungen zur Lautschrift bieten sich dann an, wenn man mit den Schülerinnen und Schülern übt, wie man mit einsprachigen, zweisprachigen und digitalen Wörterbüchern arbeitet.

Ich erinnere mich an meinen Französischunterricht in der Schule und würde behaupten, dass wir außer den Audiobeispielen, die zum Schulbuch gehörten, nur unsere Lehrerin als französisches Sprachvorbild kannten. Die Sprache kam uns immer gekünstelt vor: Wir hatten keine authentischen Muttersprachler als Vorbilder, die die Sprache selbstverständlich und undidaktisiert verwendeten. Zum Ankommen in der Fremdsprache sind diese muttersprachlichen Vorbilder allerdings unabdingbar. Durch Audios,Videos und Live-Schaltungen gibt es heute viele Möglichkeiten, Muttersprachler erlebbar zu machen; im Idealfall sogar solche, die in einem ähnlichen Alter wie die Jugendlichen in der eigenen Klasse sind.

Wenn wir es frühzeitig schaffen, dass sich unsere Schülerinnen und Schüler mit den Klängen und Worten der Fremdsprache wohlfühlen und sich freiwillig damit umgeben, können wir uns im Unterricht viele Korrekturen ersparen.

 


Beitragsbild: fotolia #246810059 | Urheber: Gerhard Seybert

Mareike McKim

Über Mareike McKim

Mareike McKim ist Gymnasiallehrerin für die Fächer Englisch, Deutsch und Darstellendes Spiel an einer Gesamtschule mit gymnasialer Oberstufe in Hessen. Sie ist UNESCO-Delegierte für die Rolle von Bildung für Frieden und Nachhaltigkeit. Gemeinsam mit ihren Kollegen beim Pestalozzi-Programm des Europarats und anderen ehemaligen Finalisten des Weltlehrerpreises setzt sie sich für nachhaltige Bildung und die Anerkennung des Lehrberufs ein. Ihr Konzept einer Bildung für Frieden und Nachhaltigkeit vertritt sie als Sprecherin und Autorin in Fortbildungen und bei Konferenzen, u.a. bei TEDxHeidelberg. Blog: www.mareikehachemer.jimdo.com