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In der Oberstufe mit Muttersprachlern arbeiten

Ich erinnere mich noch genau an einen Moment, als eine Referendarin tränenüberströmt im Lehrerzimmer saß. Was war passiert? In ihrer Examensklasse war ein 17-Jähriger englischer Muttersprachler, der zuhause zweisprachig aufwuchs, inklusive perfektem britischem Akzent. Nun sind in der Stresssituation Referendariat viele angehende Lehrkräfte nah am Wasser gebaut, doch was war es, das der jungen Kollegin an dieser Situation so viel Angst bereitete?

Sie hatte Minderwertigkeitsgefühle wegen ihrer eigenen Englischkenntnisse, ihrer Aussprache, ihrer Fähigkeit richtig zu korrigieren. Sie fühlte sich noch nicht sicher genug in ihrer Unterrichtssprache Englisch und machte sich Sorgen, dass ein Muttersprachler sie „entlarven“ und ihre Sprachautorität untergraben würde. Und all das womöglich noch in der Examensstunde, in der sich so einiges über ihre berufliche Zukunft entscheiden würde.

Das größte Problem in dieser Situation – so schätze ich es ein – war ihr eigenes Verständnis der Lehrer:innenrolle. Sie hatte die Vorstellung, dass Lehrkräfte unfehlbare Koryphäen sein müssten, erhaben über jeden Fehler. Wir, die ständigen Kritiker und Bewerter der Lernenden, müssten den Schein der Unfehlbarkeit wahren. Einerseits erkannte sie die Lücken in ihren Sprachkenntnissen treffend, andererseits hatte sie diesen überhöhten Anspruch an sich und andere. Ein Dilemma.

Da solche Ängste beim Unterrichten von (fast erwachsenen) Muttersprachlern gängig sind, habe ich zusammengestellt, was in dieser Situation helfen kann.

1. Die eigenen blinden Flecken erkennen und an ihnen arbeiten

Ein Fortbildungskurs, ein Sprachtandem, eine Zoomfreundschaft mit einer Lehrkraft im englischsprachigen Ausland? Ein englisches Hörbuch durcharbeiten? Ein Muttersprachler im Kurs ist ein toller Anlass, sich lebenslang fortzubilden.

2. Über das lebenslange Lernen sprechen

Schule, Universität, Referendariat, Auslandsaufenthalte, Fortbildungen … auch wenn wir als Lehrkräfte schon viele Jahre (und Jahrzehnte) der Bildung hinter uns haben ­– Sprachen sind komplex und man lernt nie aus. Das können wir auch mit den Lernenden besprechen: Lernen ist ein lebenslanges Projekt und ein Defizit ist kein Drama, sondern eine Herausforderung.

3. Die Lehrer:innenrolle überdenken

Sind wir allwissende Götter, die den Lernenden in jeder Hinsicht „überlegen“ sind? Nein. Lernende, die – in mancherlei Hinsicht – mehr wissen als wir – sollten wir deshalb nicht als Bedrohung wahrnehmen, sondern als Bereicherung.

4. Die eigenen Stärken sehen

Was kann ich dem Schüler trotz seines fortgeschrittenen Sprachstands noch beibringen? Bestehen Probleme im Bereich Orthographie? Sprachregister? Textgliederung? Textinterpretation und -analyse? Passende Strategien für Erfolg in Prüfungssituationen (bspw. mündliche Prüfungen, Klausuren, Präsentationen). Häufig haben zweisprachige Lernende in der Oberstufe noch Probleme, umgangssprachliche Wendungen in den richtigen Situationen zu verwenden und zum Beispiel in Klausuren nicht zu verwenden. Da können wir helfen.

5. Hilfe annehmen.

Auch versierte Englischsprecher:innen könnten Zweifel bekommen beim Korrigieren einer muttersprachlich verfassten Klausur. Aber das Wörterbuch liegt ja gleich neben dem Klausurenstapel. Kollokationen, Synonyme, grammatikalische Zweifelsfälle: Das (elektronische) Wörterbuch hilft. Und eventuell auch die muttersprachliche Kollegin, die soeben von einer Austauschreise zurückgekehrt ist.

6. Über die (Gleich-)Wertigkeit von Akzenten sprechen.

Beim Zweitspracherwerb bleibt – für die meisten Menschen – ein (kleiner) Akzent zurück. Natürlich arbeiten wir an einem milden, universal verständlichen Akzent, trotzdem muss niemand seine Herkunft leugnen. Auch Lehrer:innen nicht. Dass wir nicht zu hundert Prozent wie Muttersprachler klingen, ist keine Schande. Im Gegenteil: Wir können die Chance nutzen, um über Vorurteile gegenüber Menschen zu sprechen, die „anders“ klingen.

7. Eine umfangreiche Diagnose durchführen.

Während des Unterrichts, in Klausuren und Projekten: muttersprachliche Lernende verdienen Diagnose ebenso wie andere Schüler:innen. Und es gibt immer etwas zu tun.

8. Mit der Person selbst das Gespräch suchen.

Welche Förderung wünschst du dir? Wo siehst du Schwachstellen? Wie ist deine Haltung gegenüber mir als Lehrkraft? Welche Verabredung treffen wir für das gemeinsame Lernen?

Es ist sehr sinnvoll, gleich zu Beginn klare Absprachen über die gemeinsame Arbeit zu treffen. Ist es okay, vor der Klasse korrigiert zu werden? Ist die Schülerin mit einer Sonderrolle einverstanden? Möchte sie eine wöchentliche Kurzsequenz übernehmen, etwa einen Überblick über die aktuelle Nachrichtenlage geben? Wo sieht die Person selbst eigene Stärken? Wie kann sie den Unterricht bereichern?

9. Mehr Schüler:innenbeteiligung ermöglichen

Die Interessen der Lernenden in der Oberstufe sind vielschichtig. Nicht selten nutzen sie englischsprachige Quellen, um sich zu informieren oder zu unterhalten. Gibt es Comedians, die gerade angesagt sind? Kritische Kabarettist:innen und Journalist:innen, die beliebt sind (z.B. Hasan Minhaj, John Oliver). Die Lernenden können im Wechsel ihre Quellen vorstellen oder eine gemeinsame Ressourcenliste (Information und Unterhaltung) anlegen.

Kurzum: Muttersprachler:innen können eine Bereicherung darstellen und uns daran erinnern, dass wir alle unterschiedliche Stärken haben, die es zu entdecken gilt und die für das gemeinsame Lernen genutzt werden können. Sie bieten eine tolle Gelegenheit, um zu zeigen: Auch ich als Lehrkraft bilde mich weiter und freue mich über die Stärken meiner Kursgruppe.

 

PS: Wie muttersprachliche Schüler:innen den Unterricht in Klasse 5 bereichern und welche Aufgaben sie übernehmen können, habe ich hier zusammengefasst.


Beitragsbild: Alexis Brown | Unsplash.com

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