Stationen zum Wortschatzlernen entwerfen: eine Blaupause zum Abändern

Wortschatzlernen ist individuell UND universal. Wir begegnen einem neuen Begriff in der Fremdsprache und irgendwie soll er in unser mentales Lexikon eingehen. Dafür müssen wir uns viele Eigenschaften des Wortes merken: wie es in der Fremdsprache klingt, wie es aussieht, was es bedeutet, wie es häufig gebraucht wird, wie formal oder umgangssprachlich es ist, in welchen Redewendungen es vorkommt … 

Häufig versuchen wir, die ganze Klasse auf einmal mitzunehmen beim Lernen neuer Wörter. Alle hören, alle sprechen, alle lesen, alle schreiben. Dabei brauchen einige Lernende länger als andere. Manche profitieren von kreativen, andere eher von kognitiven Übungen. Beim Stationenlernen bekommen alle den Input, der ihnen am meisten hilft.

Stationenlernen kann in einem Klassenraum stattfinden – oder die Aufgaben befinden sich auf einer Lernplattform, auf die die Lernenden von einem Gerät (Laptop, Tablet, PC, Smartphone) Zugriff haben. Bei der Lerntheke finden die Lernenden alle Aufgaben an einem großen Tisch und nehmen sie von dort aus zurück zum Platz. Je nach Setting können die Lernenden gleichzeitig oder gestaffelt mit dem Parcours beginnen. In einem rein digitalen Setting muss die eine oder andere Station ein wenig angepasst werden.

Stationen für alle Sinne und Lernvorlieben

1. Die Hörstation

An der Hörstation finden die Lernenden Abspielgeräte mit Kopfhörern (bspw. Laptop oder Tablet) oder sie bringen eigene Kopfhörer mit. Hier können sie ein Video oder eine Audiodatei abspielen, die die Lehrkraft ausgewählt oder aufgenommen hat. Wer selbst aufnehmen möchte, kann dafür zum Beispiel die kostenfreie Software Audacity nutzen, oder auch einfach die Aufnahmefunktion im Smartphone.

Videos zur Einführung von Vokabular gibt es in großer Zahl auf Youtube. Ein Beispiel ist dieses Video, in dem 100 wichtige englische Verben vorgestellt werden. Natürlich sollte das Video in passende Portionen aufgeteilt werden. Zehn neue Vokabeln pro Unterrichtseinheit sind genug. Bei einer Wiederholungsstunde am Ende der Reihe können dann alle Vokabeln zum Einsatz kommen. Beim Einsatz einer reinen Audiodatei ist es sinnvoll, der Station Dinge oder Flashcards beizulegen, die die Bedeutung der Vokabeln vermitteln.

2. Die Sprechstation

Die Sprechstation kann wie die Hörstation aufgebaut sein oder mit der Hörstation zusammengelegt werden. Sehr praktisch: Mit einem Papierstreifen, der sich auf den Bildschirm klappen lässt, können die Wörter des oberen Videos abgedeckt werden. Mit ausgeschaltetem Ton kann das Video dann auch dazu dienen, sich selbst abzufragen und die Aussprache zu üben. Zur Kontrolle wird der Ton wieder eingeschaltet.

Die Lernenden können das Video nach eigenem Bedarf abspielen und anhalten, Bildschirmteile abdecken, stumm oder laut stellen. Wenn Hör- und Sprechstation nicht kombiniert sind, empfiehlt es sich, dass die Schülerinnen und Schüler zwischen beiden Stationen hin und her wechseln.

3. Die Lesestation

Hier geht es um die Schreibung neuer Wörter. Die Station knüpft direkt an die Videostation an. Die Aufgabe kann zum Beispiel lauten: „Du findest hier Karten mit korrekter Wortschreibung. Achte beim Video genau auf die Rechtschreibung und das Wortbild oder sortiere die Wortkarten mit korrekter Schreibung Bildern zu. Präge dir die Buchstaben genau ein und überlege dir einige Eselsbrücken, um dir die Schreibung zu merken. Du kannst dir nun in Form eines Laufdidaktats selbst Begriffe vorlesen, dir merken und dann zur Schreibstation ‚tragen‘, wo du sie aufschreibst.“

4. Die Schreibstation

Am besten ist die Schreibstation einige große Schritte von der Lesestation entfernt. Hier finden die Schülerinnen und Schüler nichts vor außer unbeschriebenem Papier. Und die Aufgabe: „Schreib so viele Wörter auf, wie du dir merken kannst. Du bist dir bei der Rechtschreibung nicht ganz sicher? Dann geh zurück zur Lesestation. Du bist dir sicher? Überprüfe trotzdem noch einmal, ob sich nicht möglicherweise ein Buchstabendreher oder ein Flüchtigkeitsfehler eingeschlichen hat.“

Als Zwischenstation kann auch eine Buchstaben-Schiebe-Station eingebaut werden. Hier liegen die Buchstaben jedes einzelnen Begriffs (in Papierform oder digital) und müssen in die richtige Reihenfolge gebracht werden. Auch hierhin kann man zurückgehen, um beispielweise noch einmal zu überprüfen, wie häufig ein Buchstabe in einem Wort vorkommt.

5. Die kognitive Kombistation

An der Kombistation geht es darum, Eselsbrücken zu finden, die den Unterschied zwischen Aussprache und Schreibung visualisieren. Die Lernenden überlegen sich, wie sie sich merken können, wie ein Wort ausgesprochen und geschrieben wird. Dazu können sie das Wort beispielsweise mit einem anderen Wort mit ähnlichem Klang vergleichen und die Schreibung aus den Buchstaben anderer Begriffe zusammensetzen.

An der kognitiven Kombistation ersinnen die Schüler*innen Eselsbrücken, um sich Vokabeln zu merken.
An der kognitiven Kombistation erfinden die Schüler*innen Eselsbrücken, um sich die Vokabeln besser zu merken.

Je nach Leistungsniveau und Lernvorliebe kann diese Station auch ausgelassen werden. Sie ist vor allem hilfreich, wenn Lernende mit Rechtschreibung oder Aussprache besonders hartnäckige Probleme haben. Die Zeichnungen, die hier entstehen, können später auch an der großen Tafel oder der Dokumentenkamera gezeigt werden, sodass der Rest der Klasse raten oder benennen kann. Auf diese Weise kann eine wachsende Klassenkartei mit immer neuen Bildern und Wörtern entstehen.

6. Die Kreativstation

An dieser Station können Lernende auswählen, wie sie sich weiter mit dem Wort beschäftigen möchten. Liegt ihnen Zeichnen oder Malen der neuen Vokabeln? Schönschreiben? Collagen gestalten? Kneten? Mit Gegenständen arbeiten? Möchten sie die neuen Begriffe auf ihre Lieblingsmelodie setzen und singen, sich dazu einen Tanz ausdenken? Möchten sie auf dem Schulhof mit dem Fußball Torwandschießen machen, indem sie Papierblätter mit den neuen Vokabeln treffen und bei einem Volltreffer die Vokabel als Torjubel ausrufen? Möchten sie die neuen Wörter mit dem Finger in die Luft malen? In einer Kleingruppe ein Quiz entwickeln, bei dem eine*r von ihnen der*die Quizmaster*in ist?

Vielleicht haben die Lernenden schon ein gutes Gespür dafür, wie ihnen neues Vokabular im Gedächtnis bleibt. Vielleicht hilft ihnen diese Station auch dabei, dieses Gefühl zu entwickeln. Die Aufgabe hier lautet: Mindestens drei der Vorschläge ausprobieren. Findet das Stationsverfahren digital statt, können die Lernenden ihre Ergebnisse fotografieren oder sich selbst dabei filmen.

7. Üben und Testen

Wortgitter, Memory-Übungen, Kreuzworträtsel und Selbsttests sind super geeignet, um neue Wörter und Wendungen zu üben und zu festigen. Je nach Fortschrittslevel können die Lernenden hier fertige Rätsel bearbeiten (man kann diese zum Beispiel hier selbst erstellen). Oder sie entwerfen eigene Rätsel für eine*n Partner*in, anschließend korrigieren sie sich gegenseitig.

Im Selbsttest probieren sie aus, an wie viele Vokabeln sie sich bereits erinnern können und ob sie noch einmal zu einer vorherigen Station zurückkehren möchten. Beim Korrigieren können sie sich für jede erinnerte neue Vokabel einen Punkt geben und einen weiteren, wenn das Wort richtig geschrieben ist.

8. Die Gestaltstation

Aus den neuen Wörtern und Wendungen lässt sich etwas gestalten. Die einzige Vorgabe: Verwende das neue Vokabular und kombiniere es mit Wendungen und Wörtern, die du zuvor bereits gelernt hast. Eine Schlagwortgeschichte oder ein Expertentalk, der um das neue Vokabular herumgestrickt wird, können äußerst unterhaltsam sein. Oder wie wäre es mit einem Liebesbrief an einen Apfel? Es darf ruhig lustig werden! Als Hilfestellung können die Lernenden Satzbausteine oder Halbsätze bekommen. Sie können mit Korrekturprogrammen arbeiten oder von der Lehrkraft Schreibberatung bekommen. In der Kleingruppe oder vor der Klasse stellen sie ihre Ergebnisse vor.

Nachbereitung der Stationen

Natürlich folgt am Ende eine Reflexion. Wie hat es mit dem Vokabellernen geklappt? Waren die Methoden zu zeitaufwändig oder gerade richtig? Benötigen die Lernenden mehr Hilfestellungen? Wie bewerten die Schüler*innen die Anforderungen an Selbständigkeit und Kreativität? Wurde es während des Arbeitens zu laut oder zu eng in den Räumlichkeiten? Was könnte beim nächsten Mal besser laufen? Hat das Arbeiten am Bildschirm geklappt? Oder gab es einen ziemlichen Papierwust, der kaum zu überblicken war? Fühlt Ihr Euch gut vorbereitet auf einen kleinen Vokabeltest?

Zum Download: Aufgabenkarten für die Stationen (PDF)


Beitragsbild: benfuenfundachtzig | pixabay

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Über Mareike McKim

Mareike McKim ist Gymnasiallehrerin für die Fächer Englisch, Deutsch und Darstellendes Spiel an einer Gesamtschule mit gymnasialer Oberstufe in Hessen. Sie ist UNESCO-Delegierte für die Rolle von Bildung für Frieden und Nachhaltigkeit. Gemeinsam mit ihren Kollegen beim Pestalozzi-Programm des Europarats und anderen ehemaligen Finalisten des Weltlehrerpreises setzt sie sich für nachhaltige Bildung und die Anerkennung des Lehrberufs ein. Ihr Konzept einer Bildung für Frieden und Nachhaltigkeit vertritt sie als Sprecherin und Autorin in Fortbildungen und bei Konferenzen, u.a. bei TEDxHeidelberg. Blog: www.mareikehachemer.jimdo.com

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