Umschreiben: Kommunikationsstrategie mit Spaßfaktor

Drei Gesellschaftsspiele, die Wortschatzlücken vorbeugen

Es geschieht gelegentlich in der Muttersprache – und in der Fremdsprache noch viel häufiger: Mitten im Gesprächsfluss fehlt plötzlich ein Wort. Vielleicht ist es nur einfach kurz entfallen. Vielleicht ist die Vokabel unbekannt. Damit das Gespräch trotzdem weitergeht, greifen die meisten Sprecher auf Kommunikationsstrategien zurück, die solche Lücken kompensieren können: Umschreiben, gestikulieren, das bereits Gesagte noch einmal wiederholen, um Zeit zum Nachdenken zu gewinnen. Weil aber letzteres bei mangelnder Vokabelkenntnis wenig nützt und Gesten längst nicht jeden Begriff wiedergeben können, ist Umschreiben die vielversprechendste Strategie.

Umschreiben ist auf viele Arten möglich

Damit Umschreiben zuverlässig klappt, ist allerdings ein bisschen Übung nötig – schließlich muss es im Ernstfall schnell gehen, damit die Kommunikation nicht zu sehr ins Stocken gerät. Geübte „Umschreiber“ können in Sekundenbruchteilen entscheiden, wie sie am besten vorgehen. Bei einigen Begriffen bietet es sich zum Beispiel an, eine Alltagssituation zu schildern, in der das gesuchte Wort eine Rolle spielt. In anderen Fällen kann es sinnvoller sein, einen Vergleich zu ziehen (etwa für „Schiff“: wie ein Auto, fährt aber auf Wasser), ein eigenes Wort zu erfinden („Fußballentscheider“ für „Schiedsrichter“) oder auch eine Kategorieebene höher zu springen – also zum Beispiel auf „Frühlingsblume“ zurückzugreifen, wenn das Wort für Narzisse fehlt.

Spielerisch paraphrasieren

Da passt es gut, dass auch eine ganze Reihe Gesellschaftsspiele darauf aufbauen, dass jemand Begriffe raten muss, die einer der Mitspieler umschreibt. So zum Beispiel das Kartenspiel „Tabu“, bei dem ein Spieler einen Begriff beschreibt und dabei eine Reihe anderer Wörter nicht verwenden darf. Tabu ist auch in englischer, spanischer oder französischer Ausgabe erhältlich. Eine schöne Variante für den Unterricht ist auch, das Spiel – vielleicht sogar mit der ganzen Klasse – selbst zu basteln, zum Beispiel mit den Vokabeln des vergangenen Schuljahres.

Die Grundidee von Tabu zeigt sich an den Spielkarten: Jede Karte enthält einen zu umschreibenden Begriff sowie – je nach gewünschtem Schwierigkeitsgrad – drei bis fünf Wörter, die für die Umschreibung des Begriffs sehr hilfreich wären. Diese Wörter sind tabu – sie dürfen bei der Beschreibung nicht fallen. Ein Beispiel auf Deutsch: Ein Schüler oder eine Schülerin soll den Begriff „Hausaufgaben“ umschreiben, darf aber die Wörter „Schule“, „Nachmittag“ und „Üben“ nicht benutzen. „Haus“ und „Aufgaben“ sind ebenfalls nicht erlaubt. Liegen genug Karten vor, ist nur noch eine Sanduhr nötig. Sie zeigt an, wann eine Spielrunde endet. Die Teams sind abwechselnd an der Reihe. In jeder Spielrunde versucht ein Mitspieler, seinem eigenen Team Begriffe zu umschreiben, ohne die „Tabuwörter“ zu verwenden. Je mehr Begriffe das Team in einer Runde rät, desto mehr Punkte gewinnt es.

Eigene Spielkarten können Lehrkräfte mithilfe dieser Word-Vorlage erstellen.

Dingsda im Unterricht nachspielen

Einem ähnlichen Prinzip folgt „Dingsda“. Die Idee geht auf eine Fernsehshow zurück, in der Kinder Begriffe umschreiben, während Erwachsene raten mussten.

Anders als bei „Tabu“ beschreiben zwei Kinder gemeinsam einen Begriff. Tabu-Wörter gibt es nicht – nur der gesuchte Begriff selbst sowie damit verwandte Wörter dürfen natürlich nicht fallen.

Um dem Originalformat treu zu bleiben, könnten die Schülerinnen und Schüler zum Beispiel in zwei Gruppen Begriffe entwickeln und kurze Videos davon aufnehmen, in denen sie die Begriffe erklären – das lässt sich schon mit einfachen Handykameras bewerkstelligen. Anschließend führen die Lernenden der jeweils anderen Gruppe die Filme vor. Die Gruppe, die mehr Begriffe rät, gewinnt. Per Abstimmung ermittelt die gesamte Gruppe außerdem die drei gelungensten Umschreibungen – diese Punkte gehen an das beschreibende Team.

Für Fortgeschrittene: Ruck Zuck

Ambitionierter sind die Spielregeln der Fernsehshow „Ruck Zuck“, die ab Ende der 1980er Jahre ausgestrahlt wurde.

Die Begriffe, die die Fünf-Personen-Teams umschreiben sollten, waren ziemlich einfach. Dafür mussten die Teammitglieder aber vier unterschiedliche Wege finden, um den Begriff zu erklären. Der erste Spieler im Team umschreibt den Begriff für Spieler Nr. 2, während die anderen drei Teammitglieder nichts mithören können. Spieler Nr. 2 beschreibt dann den Begriff auf andere Weise für Nr. 3 usw. Die Schwierigkeit: Kein Spieler darf „wichtige Wörter“ wiederholen, von denen er oder sie annimmt, dass sie schon in vorherigen Umschreibungen gefallen sind.

Lautet der Suchbegriff also zum Beispiel „groß“, wird der dritte Spieler darauf verzichten, das Gegenteil „klein“ zu nennen, weil die Wahrscheinlichkeit groß ist, dass das Wort „klein“ schon in einer der vorigen Umschreibungen gefallen ist. Deshalb ist bei „Ruck Zuck“ Kreativität gefragt: Es gilt, Begriffe so originell wie möglich zu umschreiben.

Wie würde ich das umschreiben?

Der Vorteil aller drei Spiele (abgesehen davon, dass sie Spaß machen): Die meisten Spielerinnen und Spieler beginnen an irgendeinem Punkt, sich selbst zu fragen, wie sie einen Begriff umschreiben würden – auch wenn sie gar nicht an der Reihe sind. Dieses Nachdenken über verschiedene Umschreibungsmöglichkeiten zahlt sich spätestens aus, wenn sich die nächste kommunikative Wortschatzlücke auftut.

 


Beitragsbild: fotolia #108019484 | Urheber: kudosstudio

Alexandra Mankarios

Über Alexandra Mankarios

Studierte Sprachlehrforscherin, Journalistin und privat ein echter Sprachenfan: Spricht vier Sprachen fließend und hat zwei unterrichtet. Begeistert sich für Semantik und würde gern einmal ihr eigenes mentales Lexikon aufschlagen.

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