Vokabeln lernen: Viel Kontext hilft nicht viel

Studie: Kontext erleichtert Verstehen, aber nicht das Behalten

Geht es um die Frage, wie sich Schülerinnen und Schüler am besten neue Vokabeln merken können, dann fällt fast immer der Begriff „Kontext“. Vokabeln im Kontext zu lernen, gilt als hilfreich: Das Gehirn arbeitet mit Vernetzungen, deshalb fällt der Zugriff auf gut vernetzte Wörter leichter. Und wer anstelle isolierter Vokabeln ganze Sätze oder wenigstens Mehr-Wort-Kombinationen lernt, läuft weniger Gefahr, die Wörter später falsch anzuwenden. Soweit alles richtig. Weniger bekannt ist allerdings, dass ein zu informativer Kontext das Lernen neuer Vokabeln auch erschweren kann. Das aber zeigt eine aktuelle Studie.

Wann Kontext das Behalten erschwert

„Wir haben kein Brot mehr. Ich gehe noch mal schnell zur Bäckerei.“ Wer diesen Satz liest und die Vokabel „Brot“ nicht kennt, ist mit dem Kontext gut bedient – die Bedeutung erschließt sich problemlos. Das Beispiel zeigt, wie hilfreich Kontextinformationen für das Verstehen sein können. Um die Vokabel „Brot“ allerdings neu zu lernen, ist der Satz wenig geeignet. Das belegt eindrücklich eine niederländische Studie der Pädagogin Gesa van den Broek und der Kognitionswissenschaftlerin Atsuko Takashima. Die Wissenschaftlerinnen und ihr Team hatten verschiedenen Gruppen von Studierenden insgesamt 52 Swahili-Vokabeln beigebracht – allerdings enthielt das Übungsmaterial unterschiedlich viel Kontext. Die insgesamt drei Teilexperimente liefen jeweils ungefähr nach diesem Schema ab: Eine Gruppe übte mit Sätzen, aus denen sich die Bedeutung der Vokabeln erschließen ließ. Eine andere Gruppe hingegen arbeitete auch mit Satzbeispielen – die allerdings keine Hinweise auf die Bedeutung enthielten – etwa nur: „Wir haben kein Brot mehr.“

Eine Woche später sollten die Studierenden in ähnlich wie das Übungsmaterial aufgebauten Tests zeigen, wie viele Vokabeln sie sich gemerkt hatten. Das Ergebnis: Diejenigen, die zuvor mit einem weniger informativen Kontext gearbeitet hatten, kannten signifikant mehr Vokabeln als die Gruppen, die mit reicheren Kontexten gelernt hatten.

Abrufen ist hilfreicher als Kontext

Dass sich ein informativer Kontext eher negativ auf die Behaltensleistung auswirkt, dürfte Lehrkräfte und Lernende gleichermaßen überraschen. Trotzdem hatten auch frühere Studien bereits in diese Richtung gedeutet. Eine mögliche Erklärung: Erschließt sich die Bedeutung einer unbekannten Vokabel vollständig aus dem Kontext, dann wird die Vokabel nicht ausreichend vom Gehirn verarbeitet – schließlich ist es zum Verstehen nicht nötig, das Wort aus dem Hirn abzurufen. Hinzu kommt, dass der Kontext nur zum Verständnis der Wortbedeutung beiträgt, aber vom Lernen der Wortform eher ablenkt.

Fehlt hingegen ein informativer Kontext in Übungen, sind die Lernenden gezwungen, zuvor präsentierte, aber noch nicht vollständig gelernte Vokabeln aus dem Gehirn abzurufen. Die Autorinnen der Studie vermuten, dass sich dieses Abrufen positiv auf das Behalten auswirkt. Voraussetzung dafür ist natürlich, dass die Lernenden sich bereits vorab mit den Vokabeln beschäftigt haben und erstes Wortwissen zum Abruf bereitsteht.

Wann und wie viel Kontext nützt

Auf Kontext gänzlich zu verzichten, halten allerdings auch die Autorinnen der Studie nicht für ratsam. Sie betonen, dass ihre Untersuchung vor allem einer ganz bestimmten Phase beim Lernen neuer Wörter gilt – wenn neuer Wortschatz bereits präsentiert wurde und anschießend gelernt und geübt werden muss.

Die Ergebnisse decken sich mit den wissenschaftlichen Erkenntnissen, die der Spracherwerbsforscher Joe Barcroft im Interview mit wortschatz-blog.de vorgestellt hat: Um ganz neue Vokabeln zu lernen, sind zunächst vor allem Übungen sinnvoll, die sich mit der Wortform beschäftigen. Übungen, die sich schon in dieser frühen Phase auf die Wortbedeutung konzentrieren, binden wichtige Ressourcen, die dann nicht mehr für die Verarbeitung der Wortform zur Verfügung stehen.

Trotzdem arbeiten unsere Gehirne natürlich vernetzt – ist die Wortform erst einmal gelernt, ist Kontext nützlich: Mindmaps, Beispielsätze, kreative Übungen helfen dann, die Vokabel korrekt zu verwenden.


Beitragsbild: fotolia #178532875 | Urheber: Tatiana

Alexandra Mankarios

Über Alexandra Mankarios

Studierte Sprachlehrforscherin, Journalistin und privat ein echter Sprachenfan: Spricht vier Sprachen fließend und hat zwei unterrichtet. Begeistert sich für Semantik und würde gern einmal ihr eigenes mentales Lexikon aufschlagen.