Vom Input zum Wortschatzerwerb

Wie können Lehrerinnen und Lehrer Vokabeln so unterrichten, dass die Lernenden die neuen Wörter möglichst nachhaltig und gebrauchsfertig in ihren Gehirnen verankern? Wortschatz-Blog hat bei dem Wissenschaftler Joe Barcroft nachgefragt. Barcroft forscht an der Washington Universität in St. Louis (USA), zum Thema „Lexical Input-Processing“ – also den Sprachverarbeitungsprozessen, mit denen Menschen neue Wörter im Hirn verankern. Er hat zehn Tipps für Lehrkräfte zusammengestellt.

Teil 1 der Interviewreihe mit Joe Barcroft können Sie hier nachlesen.

Stellschrauben für Fremdsprachenlehrkräfte

Lehrerinnen und Lehrern können im Fremdsprachenunterricht an verschiedenen Stellen Einfluss darauf zu nehmen, wie sich die Lernenden mit neuem Wortschatz beschäftigen. Der Zweitsprachenerwerbsforscher Joe Barcroft unterscheidet vor allem zwei Aspekte:

  • Inputbasierte Faktoren: die Form des Inputs – also die Art und Weise, in der Lehrkräfte neue Wörter präsentieren
  • Aufgabenbasierte Faktoren: die Art der Aufgaben und Übungen, mit denen Lernende neue Wörter verinnerlichen sollen.

In seiner Forschung hat er zum Beispiel herausgefunden, dass sich Schülerinnen und Schüler leichter neue Wortformen merken können, wenn sie sie von verschiedenen Sprechern hören – ein inputbasierter Faktor. Kaum hilfreich für das Behalten von Wortformen ist es hingegen, wenn die Lernenden Sätze mit den neuen Wörtern schreiben sollen – ein aufgabenbasierter Faktor. Diese und andere Erkenntnisse seiner Forschung sollen es Lehrkräften leichter machen, Wortschatz möglichst nachhaltig zu unterrichten.

Zehn Prinzipien für das Wortschatz-Lehren

Einen Überblick über die wichtigsten Erkenntnisse geben Barcrofts „Ten Principles of IBI Vocabulary Instruction“. „IBI“ steht für „input-based incremental“, also ein durch Input gesteuerten Lernprozess, bei dem kontinuierlich das vorhandene Wissen erweitert wird. Im Interview mit wortschatz-blog.de erläutert Joe Barcroft seine zehn Prinzipien genauer – in diesem Blogbeitrag erklärt er, was sich hinter den ersten fünf verbirgt.

Prinzip 1: Entwickeln Sie einen Plan zum Wortschatzerwerb und verankern Sie ihn in ihrer Unterrichtsplanung („Develop and implement a vocabulary acquisition plan“).

Barcroft: Es ist nicht viel Forschung nötig, um zu der Erkenntnis zu kommen, dass ein Plan für den Wortschatzerwerb sinnvoll ist. Ohne diesen Rat wäre der inputbasierte inkrementelle Ansatz nicht vollständig. Für Lehrkräfte hängen an diesem Prinzip ganz praktische Fragen: Wie wählt man die zu lernenden Wörter aus? Lassen Sie die Unterrichtsinhalte den zu lernenden Wortschatz vorgeben oder ziehen Sie vielleicht Häufigkeitslisten zu Rate? Wer einen Plan hat, kann diese Fragen für sich beantworten.

Prinzip 2: Präsentieren Sie neue Wörter häufig und mit mehreren Wiederholungen im Input („Present new words frequently and repeatedly in the input“)

Barcroft: Hier geht es natürlich um einen inputbasierten Faktor, und zwar einen, der sehr gut erforscht ist. Je häufiger ein Wort im präsentierten Kontext erscheint und je öfter es über die Zeit wiederholt wird, desto besser ist die Behaltensleistung. Wir wissen das intuitiv, aber wenn man als Lehrkraft vor der Klasse steht, vergisst man das manchmal.

Ich habe das auch selbst als Fremdsprachenlerner erlebt: Es kam vor, dass ich neue Wörter wieder und wieder hören wollte. Ich hatte das Gefühlt, dass ich sie nur lernen kann, wenn ich sie noch häufiger höre.

Prinzip 3: Fördern Sie sowohl das intentionale (= gezielte, gesteuerte) als auch das inzidentelle (= informelle, ungesteuerte) Lernen von Vokabeln („Promote both intentional and incidental vocabulary learning“)

Barcroft: Nehmen Sie an, ich gebe Ihnen eine Liste mit 25 spanischen Vokabeln. Sie setzen sich hin und versuchen, die Wörter zu lernen – das ist dann intentionales Lernen. Indzidentelles Lernen hingegen bedeutet, dass der Erwerb nicht gezielt abläuft. Trotzdem geschieht es natürlich nicht einfach so. Man kann das inzidentelle Lernen als Lehrkraft anregen. Nehmen Sie zum Beispiel die erwähnten 25 spanischen Vokabeln. Ich kann als Lehrkraft dafür sorgen, dass diese Wörter in den Inhalten vorkommen, die wir auf Spanisch diskutieren. Ob Sie sich dann entscheiden, sie gezielt zu lernen, bleibt Ihnen überlassen.

Einige Wissenschaftlicher würden argumentieren, dass der größte Teil des Wortschatzerwerbs inzidentell ablaufen soll. Ich sehe das anders. Wenn Sie sich nicht gerade in einem immersiven Kontext befinden und trotzdem nur auf informelles Lernen setzen, dann erwerben Sie vermutlich weniger Wörter, als Sie gern würden – das zeigt die Forschung. Wenn Sie zum Beispiel einen Text lesen, der einige unbekannte Wörter enthält, dann hilft es schon, wenn eine Lehrkraft Sie auf diese Wörter hinweist und Sie auffordert, sie zu lernen. Kurz, wenn Sie gezielt lernen, gewinnen Sie schneller mehr neue Wörter hinzu.

Andererseits reicht gesteuertes Lernen allein auch nicht aus – auf diese Weise bekommen Sie nie alle Informationen, die Sie zu einem Wort benötigen, zum Beispiel über seine Kollokationen, seinen Gebrauch, seine Bedeutung. All das kommt über den Input und geht weit über die einzelne Vokabel hinaus – man braucht dafür Input auf Satz- und Diskursebene. Ich stehe deshalb auf dem Standpunkt, dass Sie sowohl intentional als auch inzidentell Ihren Wortschatz erweitern sollten.

Prinzip 4: Präsentieren Sie neue Wörter in sinnvollen und verständlichen Kontexten („Use meaning-bearing comprehensible input when presenting new words.“)

Barcroft: Das lehnt sich an [den Linguisten Stephen] Krashen an. Verwenden Sie sinnvollen und für die Lernenden verständlichen Input, wenn Sie neue Wörter präsentieren. Je verständlicher der gesamte Kontext ist, desto wahrscheinlicher ist es, dass Sie die neuen Wörter im Text lernen.

Nehmen wir an, ich präsentiere Ihnen einen Satz auf Spanisch, im dem die Vokabel „imán“ vorkommt – das spanische Wort für Magnet. Wenn ich in meinem Satz noch mehr Wörter unterbringen würde, die Sie nicht verstehen, dann ist es unwahrscheinlich, dass Sie die Vokabel lernen. Ganz anders sieht es aus, wenn ich mit dem Satz so viel für Sie verständlichen Kontext mitliefere, dass Sie sich die Vokabel erschließen können – etwa ‚Ich habe mit einem Magneten ein Foto an meinen Kühlschrank gehängt.’ Nur wenn Sie die anderen Begriffe verstehen, haben Sie eine Chance, sich die neue Vokabel zu erschließen.

Sie kennen sicher Krashens Formel „i plus 1“ [Anm.: Krashens „Input-Hypothese“ besagt, dass Schülerinnen und Schüler die besten Fortschritte in einer Fremdsprache machen, wenn sie Input bekommen, der ihrem Lernstand „plus 1“ entspricht, also geringfügig über das hinausgeht, was sie bereits können]. Das „plus 1“ könnte in diesem Zusammenhang zum Beispiel ein unbekanntes Wort sein, das aber im Kontext verständlich wird. Wenn aber drei oder vier Wörter neu sind – in meinem Beispiel etwa neben „Magnet“ auch „Kühlschrank“ und „aufhängen“ – dann werden sie keins dieser Wörter erwerben.

So gut der Rat „i plus 1“ aber ist, so schwer ist er manchmal auch umzusetzen, in einer Klasse sind ja nicht alle auf dem gleichen Lernstand. Trotzdem ist dieser Ansatz meiner Ansicht nach eine gute Richtschnur.

Prinzip 5: Präsentieren Sie neue Wörter in einer verstärkten Form („Present new words in an enhanced manner.“)

Barcroft: Für dieses Prinzip gibt es verschiedene Möglichkeiten – ich hatte ja schon erklärt, dass akustische Variabilität – etwa verschiedene Sprecher anstelle eines einzigen – den Lernerfolg verbessert. Was auch hilft: klassische Musik ohne Gesang. Oder schriftliche Hervorhebungen: Sie können zum Beispiel neue Vokabeln in fetter oder vergrößerter Schrift darstellen. Allerdings gibt es auf diesem Gebiet noch nicht so viel Forschung. Die meisten Erkenntnisse kommen aus Studien zur Hervorhebung grammatischer Strukturen im Input. Über Vokabeln wissen wir weniger. Es gibt immerhin ein paar Erkenntnisse zu inzidentellem Wortschatzerwerb: Da hilft es beispielsweise, wenn man ein Wörterbuch parat hat – eine etwas indirektere Art der „Verstärkung“. Man bekommt dadurch Zugang zur Bedeutung einer Wortform, die man sich sonst nicht erschließen könnte.

In Kürze folgt Teil 3 des Interviews: Joe Barcroft erläutert die Prinzipien für das Wortschatz-Lernen 6 bis 10.

Zur Person

Prof. Joe Barcroft erforscht, wie Menschen möglichst gut Vokabeln lernen können (Foto: privat)

Joe Barcroft ist Professor für Spanisch und Zweitsprachenerwerb am Fachbereich „Romance Languages and Literatures“ der Washington Universität in St. Louis (USA).

Zwei Buchtipps

Input-Based Incremental Vocabulary Instruction

In seinem Buch „Input-Based Incremental Vocabulary Instruction“ hat Joe Barcroft 2012 die für Lehrkräfte wichtigsten Ergebnisse seiner Forschung zusammengestellt – unter anderem eine Übersicht über die zehn Prinzipen sowie Beispiele für sinnvolle Übungen.

Einen umfassenden Einblick in seine Forschung bietet auch sein 2015 erschienenes Buch „Lexical Input-Processing and Vocabulary Learning“.


Beitragsbild: fotolia #200938608 | Urheber: 9dreamstudio

Alexandra Mankarios

Über Alexandra Mankarios

Studierte Sprachlehrforscherin, Journalistin und privat ein echter Sprachenfan: Spricht vier Sprachen fließend und hat zwei unterrichtet. Begeistert sich für Semantik und würde gern einmal ihr eigenes mentales Lexikon aufschlagen.

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