Wie Lehrkräfte ihren Wortschatz erweitern (können)

Eine Frage beschäftigt mich seit einer Weile: Wie erweitern eigentlich Lehrerinnen und Lehrer ihren Wortschatz? Die meisten von uns sind selbst nicht Muttersprachler der Sprachen, die wir unterrichten und es gibt immer noch etwas zu lernen. Aber wie tun wir das? Und wieso? Ich habe mich im Kollegium umgehört. Meine Kolleginnen und Kollegen identifizieren drei Hauptmotive für den Wunsch, den Wortschatz zu erweitern:

  • Sie stellen fest, dass ihnen für ein neues Unterrichtsthema der nötige Wortschatz fehlt.
  • Sie möchten sich allgemein sicherer fühlen und ihre generelle Expertise in der Fremdsprachenrezeption und -produktion ausbauen.
  • Sie möchten international mit Lehrkräften an globaler Bildung und Bildungspolitik arbeiten und benötigen dazu einen Metawortschatz, um über Pädagogik, Didaktik und Methodik in der Zielsprache zu sprechen, zu lesen und zu schreiben.

Nachdem ich einige Kolleginnen und Kollegen befragt habe, kristallisieren sich diese Erkenntnisse heraus:

  1. Je genauer ich weiß, wieso und in welche Richtung ich meinen Wortschatz erweitern möchte, desto offensichtlicher wird es für mich, welche Strategie mich am besten zum Ziel führt. Wenn ich mir selbst ein Ziel stecke, ist es wahrscheinlich, dass ich mich auf Quantität konzentriere: also mehr Vokabeln lernen, ein weiteres Themengebiet erschließen usw. Ich bemerke, dass ich Wortschatz vor allem mit Quantität verbinde, während ich die Qualität meines Ausdrucks anderen Sprachgebieten zuordne. Möchte ich an der Qualität arbeiten, also meinen bisherigen Wortschatz gezielter oder idiomatischer einsetzen, benötige ich Unterstützung bei der Diagnose meiner Schwachstellen. Ist es mein Ziel, passiven Wortschatz aktiv anzuwenden, muss ich mir selbst eine produktive Aufgabe stellen und benötige Möglichkeiten, Feedback zu erhalten. Geht es mir um den Erwerb eines neuen Registers, muss ich mich auf die Suche nach authentischem Anschauungsmaterial und Anwendungsanlässen machen. Ich möchte mich akademischer, lyrischer, jugendsprachlicher, journalistischer oder professionell-distanzierter ausdrücken? Wenn ich weiß, was ich möchte, kann ich gezielt nach Anschauungstexten des jeweiligen Bereichs Ausschau halten und Charakteristika übernehmen. Auch konkrete Suchmaschineneingaben à la „How do I write more formally“ oder „Tips for formal writing/technical writing/academic writing“ können erste Ansatzpunkte liefern.
  2. Vor dem Unterrichten einer neuen Einheit zum Beispiel eines bisher nicht unterrichteten Oberstufenthemas nehmen sich einige Kolleginnen und Kollegen Oberstufenbücher und Pflichtlektüren und memorieren die darin vorgeschlagenen Vokabeln. Einige führen dazu Listen, andere legen sich Mindmaps an und setzen diese bei der Produktion von Begleitmaterialien ein. Durch die anschließende Verwendung in der Unterrichtsreihe etablieren sich die Wörter im mentalen Lexikon. Manche Kolleginnen und Kollegen recherchieren auch Unterrichtsmaterialien von Lehrerkräften aus dem englischsprachigen Ausland und versuchen, diese für den eigenen Unterricht abzuwandeln.
  3. Ein besonders effektiver und bemerkbarer Wortschatzfortschritt passiert, wenn wir uns einem neuen Thema widmen, das wir zuvor noch nicht in der Fremdsprache erkundet haben und das uns wirklich interessiert. Dabei sehen wir uns zum Beispiel englischsprachige Kurzvideos und Dokumentationen zum Thema an, notieren wichtige Vokabeln und visualisieren sie in Schaubildern. Wenn wir in einem interessanten Zusammenhang ein neues Wort hören, erweckt das meist den Wunsch, seine Bedeutung zu klären und es in unseren Wortschatz einzuordnen. Fällt uns beim Anschauen auch ein bestimmtes Register des Sprechers auf? Welche Wendungen können wir notieren, um selbst anschaulicher, mitreißender oder wissenschaftlicher zu sprechen und zu präsentieren? Inwiefern unterscheidet sich die authentische Sprachweise des Sprechenden von meinen eigenen typischen Formulierungen? Das Kontrastieren der Sprachmuster trägt häufig dazu bei, dass schöne Wendungen und Formulierungen in den Wortschatz übernommen werden.
  4. Kommunikation mit Gleichgesinnten aus englischsprachigen Ländern hilft uns, bei bestimmten Themen kontinuierlich auf dem Laufenden zu bleiben. Dabei bieten sich vor allem Foren an, die sich mit unseren Interessen beschäftigen. Aber auch in der analogen Welt bieten sich Gelegenheiten, auf Muttersprachler zu treffen: In den meisten Großstädten gibt es zum Beispiel einen englischen Stammtisch oder Freizeitaktivitäten, die von Expats organisiert und besucht werden. Dies bietet auch die Möglichkeit, ein professionelles Tandem zu bilden und Texte und verbale Kommunikation gezielt miteinander zu reflektieren und zu verbessern. Achtung allerdings: Echtes Feedback ist in anderen Ländern oft verpönter als in Deutschland. Den meisten Englischsprechern sollte man sehr deutlich darlegen, dass man WIRKLICH an ihrer Meinung interessiert ist. Sonst bleibt es eventuell beim höflichen: „No, really, your English is great!“
  5. In Bezug auf das aktuelle Weltgeschehen erweitern meine Kolleginnen und Kollegen ihren Wortschatz durch das Lesen englischsprachiger Onlinemedien – etwa den Guardian oder die New York Times – sowie durch das Lesen und Verfassen von Online-Kommentaren. Auch gibt es die Möglichkeit, bei einigen Onlinemedien selbst Texte einzureichen und mit den Redaktionen zusammenzuarbeiten. Man könnte sich beispielsweise überlegen, für den Guardian als einer der „Secret Teachers“-Beiträge zu verfassen oder persönliche Erfahrungen in der Huffington Post zu schildern. Freilich haben die Redaktionen nicht unbegrenzt Zeit, Texte ausführlich zu besprechen, aber die Korrekturen, die gegebenenfalls durchgeführt werden, geben gute Hinweise auf mögliches Verbesserungspotenzial.
  6. Literatur, Filme und Serien bringen uns mit weitgefächertem Wortschatz in Verbindung und Verbinden dabei Unterhaltung und Vokabularerweiterung – okay, das weiß wahrscheinlich schon jeder. Mit Papier und Bleistift an der Seite merkt man sich die interessantesten Phrasen noch effektiver. Nutzt man ein elektronisches Wörterbuch, lassen sich neue Vokabeln auch gleich auf einer Favoritenliste speichern und später wiederholen.
  7. (Digitale) Konferenzen und Kollaborationen mit anderen Lehrerinnen und Lehrern ermöglichen uns, unseren pädagogischen und didaktischen Wortschatz in der Fremdsprache zu erweitern. Englischsprachige Kolleginnen und Kollegen und Konferenzen lassen sich zum Beispiel über Online-Gruppen für Lehrkräfte, eTwinning, Twitter und Lehrerkooperationsprogramme wie z.B. Pisa4U oder internationale Lehrerorganisationen wie #TeachSDGs und The World’s Largest Lesson. Richtig gutes Feedback bekommt man dann, wenn man mit internationalen Kolleginnen und Kollegen gemeinsam Unterrichtsmaterial oder Artikel veröffentlicht. Erasmus+-Partnerschaften sind heute mehr denn je auf nachhaltige Produkte der Unterrichtsentwicklung ausgerichtet und könnten tatsächlich eine Unterrichtsreihe, einen Pädagogikblog oder eine Buchveröffentlichung zur Folge haben. Dabei hilft nicht nur das Lesen der Texte von Muttersprachlern, sondern auch deren Feedback zum eigenen Produkt.
  8. Sprachenapps können hilfreich sein, sie benötigen aber passgenaue Diagnosetools, um die richtigen Ansatzpunkte zu finden. Um für Lehrkräfte attraktiv zu sein, sollten die Apps auch auf Niveaus jenseits von C1 ausgerichtet sein. Alternativ können Lehrkräfte Wortschatz-Apps verwenden, die an Muttersprachler adressiert sind. Online-Sprachspiele für Muttersprachler, zum Beispiel Kreuzworträtsel, Scrabble oder Silbenrätsel sind gute Kurzeinheiten, um den Wortschatz zu erweitern.
  9. Manche Kolleginnen und Kollegen belegen oder erwägen Englischkurse für Fortgeschrittene im In- und Ausland (z.B. ef.de oder esl.de), machen ein Sabbatjahr im englischsprachigen Ausland oder streben eine Versetzung in den Auslandsschuldienst an.
  10. Zu neuen Themen zu schreiben festigt den Wortschatz und bietet gute Gelegenheiten zur Reflexion. Der Thesaurus hilft dabei auch, Synonyme und Antonyme in neuen Wortfeldern zu finden. Was man schreibt, ist dabei fast egal: Ob Tagebucheintrag oder Blogpost, ein Artikel oder neues Unterrichtsmaterial: die produktive Auseinandersetzung verankert die neuen Vokabeln dauerhaft. Rechtschreib- und Grammatiküberprüfungen helfen auch teilweise beim Wortschatz. Editing-Tools wie etwa Hemingway, Ginger und Grammarly helfen, unidiomatische oder komplizierte Formulierungen zu finden, die auch häufig auf Wortschatzschwierigkeiten hindeuten. Es gibt dort beispielsweise die Möglichkeit, den eigenen Text vorgelesen zu bekommen, persönliches Feedback zu erhalten, Sätze paraphrasieren zu lassen oder Wörter anzuzeigen, die unter Umständen fälschlich gebraucht wurden. Mit einem einsprachigen Wörterbuch als Hilfestellung können dann selbstständig Korrekturen eingefügt werden.

Eine Kollegin sagte kürzlich: „Müssen macht mutlos. Interesse macht intelligent.“ Viele Kolleginnen und Kollegen berichten, dass sie ihren Wortschatz am besten erweitern, wenn sie die Themen und Methoden möglichst frei auswählen können. Als Fremdsprachendidaktiker und gute Selbstkenner des eigenen Lernens haben wir Lehrkräfte gute Voraussetzungen, um unsere Lernprozesse selbst zu gestalten. Wir müssen nur etwas Zeit dafür einplanen und die Vielfalt der Möglichkeiten zur Wortschatzerweiterung im Blick behalten.

Was lernen wir nun daraus für die Wortschatzarbeit mit unseren Schülerinnen und Schülern? Können wir ihnen auch mehr und mehr Autonomie bezüglich der Themenfelder und Lernmethoden zubilligen – mit fortschreitender Selbstkenntnis und nach Präsentation verschiedener Zugangsmöglichkeiten? Viele Kolleginnen und Kollegen sehen das so und räumen mehr und mehr Zeit für Projekte und eigene Forschungsfragen für die Lernenden ein. Das wiederum stellt eine gute Gelegenheit für uns Lehrende dar, unseren Wortschatz zu erweitern: Wenn unsere Schülerinnen und Schüler uns in neue Themen einführen, von denen wir bisher keine Ahnung hatten, haben wir schon wieder eine neue Gelegenheit, unser Vokabular zu vergrößern und zu verbessern.

 


Beitragsbild: fotolia #43317176 | Urheber: lassedesignen

Mareike McKim

Über Mareike McKim

Mareike McKim ist Gymnasiallehrerin für die Fächer Englisch, Deutsch und Darstellendes Spiel an einer Gesamtschule mit gymnasialer Oberstufe in Hessen. Sie ist UNESCO-Delegierte für die Rolle von Bildung für Frieden und Nachhaltigkeit. Gemeinsam mit ihren Kollegen beim Pestalozzi-Programm des Europarats und anderen ehemaligen Finalisten des Weltlehrerpreises setzt sie sich für nachhaltige Bildung und die Anerkennung des Lehrberufs ein. Ihr Konzept einer Bildung für Frieden und Nachhaltigkeit vertritt sie als Sprecherin und Autorin in Fortbildungen und bei Konferenzen, u.a. bei TEDxHeidelberg. Blog: www.mareikehachemer.jimdo.com Twitter: @25MaHa

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