Wer sprachen lernt, muss auch neue Bedeutungen lernen. Sonst redet man schnell aneinander vorbei.

Wörter ohne Gegenstück

Bei vielen Wörtern muss man erst die Idee dahinter verstehen

Jede Sprache hat ihre eigene Poesie. Auf Deutsch zum Beispiel lassen sich mit Komposita sehr fantasievolle Wörter gestalten. In der ersten Fassung von Goethes Gedicht „Prometheus“ etwa findet sich der abenteuerliche Begriff „Knabenmorgenblütenträume“. Später kam das Wort Goethe selbst doch zu verwegen vor, in weiteren Fassungen heißt es nur noch „Blütenträume“. Trotzdem zeigt das Beispiel: Das Baukastenprinzip der deutschen Sprache lädt zum wilden Komponieren ein.

Viele zusammengesetzte Hauptwörter entwickeln ihre eigene Bedeutung und lassen sich deshalb auch nur mit Mühe in andere Sprachen übersetzen. Eine Auswahl hat etwa der Blog „The Book of Life“ zusammengestellt, die Liste umfasst zum Beispiel die Wörter „Verschlimmbesserung“, „Kopfkino“ und „Fernweh“.

Auch in anderen Sprachen existieren natürlich unübersetzbare Wörter zur Genüge. So bereiten offenbar die englischen Wörter „serendipity“, „whimsy“ oder „googly“ Lernenden Schwierigkeiten: Es dauert, bis wir als deutsche Muttersprachler wirklich „fühlen“, was damit gemeint ist. Viele weitere schwer übersetzbare Wörter haben Guardian-Leser in einem Aufruf der Rubrik „Semantic Enigmas“ zusammengestellt.

Wo keine Bedeutung, da keine Übersetzung

Die Schwierigkeiten, die diese Wörter beim Übersetzen bieten, liegen auf semantischer Ebene. Es gibt also nicht nur kein englisches Wort, das sich etwa für den Begriff „Frühjahrsmüdigkeit“ aufdrängt, sondern er kommt englischen Muttersprachlern auch als Bedeutung nicht in den Sinn. Das heißt natürlich nicht, dass sie das Konzept nicht verstehen, wenn sie darauf stoßen. Aber es läuft eben nicht so, dass zum Beispiel zwei Amerikanerinnen, wenn sie sich im April über ihre Müdigkeit austauschen, plötzlich das Gespräch abbrechen müssen, weil ihnen die Worte fehlen.

Gibt es universale Bedeutungen?

Allerdings sind solche Wörter nur die Spitze des Eisbergs. Unter der Oberfläche lauern unzählige Wörter, die ganz einfach übersetzbar scheinen und es bei näherem Hinsehen doch nicht sind. Oder, noch viel häufiger: Ein in einem Kontext korrektes Wortpaar ist schlagartig völlig verkehrt, wenn es in einen anderen Kontext übertragen wird. Konkret: Ein englischer Deutschlerner, der das Wortpaar „chair – Stuhl“ gelernt hat, macht möglicherweise große Augen, wenn die Arztpraxis in Deutschland eine, nun ja, Stuhlprobe verlangt.

Wie gering die gemeinsame „menschliche“ Basis der Bedeutungen ist, zeigt zum Beispiel die Forschung der polnischen Linguistin Anna Wierzbicka. Seit den frühen 1970er Jahren ist Wierzbicka durch die Welt gereist, um in möglichst vielen verschiedenen Sprachen nach semantischen „Primitiva“ zu suchen: Grundbedeutungen, die sich in allen Sprachen wiederfinden. Gerade einmal um die 60 Primitiva konnte sie seither identifizieren. Auf diesem „Alphabet der menschlichen Gedanken“ – der Begriff geht auf Leibniz zurück – sollen alle anderen Bedeutungen, Gedanken und Begriffe aufbauen.

Fehlerquelle Wortpaar

Natürlich verfügen geografisch benachbarte und verwandte Sprachen über eine solidere gemeinsame Bedeutungsbasis. Kulturelle Nähe und eine gemeinsame Geschichte führen ebenfalls dazu, dass wir einander buchstäblich besser verstehen. Aber selbst zwischen so eng verwandten Sprachen wie Englisch und Deutsch sind die Unterschiede immerhin so groß, dass selbst bei einfachen Wortpaaren Kontext nötig ist, siehe „chair“.

In der Konsequenz bedeutet das: Egal, ob jemand Vokabeln mit Vokabelheft oder mit Karteikarten lernt – jedes Wortpaar braucht einen aussagekräftigen Beispielsatz, ein Bild, eine zusätzliche Erklärung, am besten von der ersten Unterrichtsstunde an. Nicht nur, dass dann die einzelnen Vokabeln besser sitzen (was natürlich schön ist) – es lohnt sich auch, auf diese Weise ständig in Erinnerung zu behalten, dass tatsächlich so gut wie kein Wort in einer anderen Sprache immer genau ein Gegenstück hat.

 


Beitragsbild: fotolia #163651125 | Urheber: alotofpeople

Alexandra Mankarios

Über Alexandra Mankarios

Studierte Sprachlehrforscherin, Journalistin und privat ein echter Sprachenfan: Spricht vier Sprachen fließend und hat zwei unterrichtet. Begeistert sich für Semantik und würde gern einmal ihr eigenes mentales Lexikon aufschlagen.

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